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Was ist Innovation?

3. Mai 2012

Der Innovationsbegriff sollte für Wachstum stehen, für echtes Wachstum im Sinne von menschlicher, sozialer, ökologischer, technologischer und ökonomischer Entfaltung. Der heute gebräuchliche Innovationsbegriff behindert Wachstum, indem er durch seine explizit ökonomische Interpretation unsere Gesellschaft von innen zerfrisst. Das wäre meine Ausgangsthese, wenn es darum geht, den Innovationsbegriff neu zu definieren. Denn diese Definition ist in meinem Beitrag zum Thema »Bildung als permanente Innovation« offen geblieben, wie Martin Lindner und Norbert zutreffend im Review-Blog angemerkt haben. Der heute gängige ökonomische Innovationsbegriff kann aus meiner Sicht nur ein Unterbegriff des allgemeinen Begriffs »Innovation« sein. Ich bin selbst auf der Suche nach einer schlüssigen Definition. Ein wichtiger Ankerpunkt dafür scheint mir Thomas S. Kuhns »Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« zu sein. Spannend auch David Bolliers Vortrag »Commons as a different Engine of Innovation« oder sein Text »Viral Spiral«. Und gerade entdeckt: Werner Rammert an der TU-Berlin, ein Graduiertenkolleg zum Thema: Die reflexive Herstellung des Neuen. Eine gerade entstehende Schule in Köln ist eigentlich ein gutes Beispiel für Innovation im Sinne von »echtem« Wachstum: School is Open! Und natürlich auch interessant das Diffusion of innovation model von Everett M. Rogers. Was ist mit Elinor Ostrom und Silke Helfrich? Gab es auf der re:publica dazu interessante Statements? Ich habe bisher einige Quellen zusammengestellt, habe aber noch nicht den Überzeugenden Ansatzpunkt gefunden für eine schlüssige Definition. Ich fände es spannend mal zu sehen, ob die Intelligenz der Massen hier helfen kann. Jeder von Euch hat sich doch sicherlich schon mit ähnlichen Fragen rumgeschlagen und Quellen dazu herumliegen. Also wiederbelebt Eure Blogs, öffnet Eure Etherpads. Wir sind die mit den Fragen … ;-)

4 Kommentare zu „Was ist Innovation?“

  1. Daniel H. Ottersbach sagt:

    © Daniel H. Ottersbach 2011

    Auszug aus meiner Seminararbeit aus dem Jahr 2011:

    Begriff der Innovation

    Unterschiedliche Quellen verorten den Begriff in Bezug auf seinen sprachlichen Ursprung in der lateinischen Sprache, also innovatio: Erneuerung, Veränderung (vgl. hierzu Blättel-Mink 2006: 29 und Welsch 2005: 32).

    Wer nach Begriffen oder Definitionen fahndet, orientiert sich zuweilen als erstes an einschlägigen Enzyklopädien. Die dort angebotenen Begriffe und Definitionen sind meist „mit Einschränkungen versehen“ (vgl. Welsch 2005: 31). So auch bei dem Begriff der Innovation.

    Eine weitverbreitete Definition für Innovation lautet: „die mit technischem, sozialem und wirtschaftlichem Wandel einhergehenden (komplexen) Neuerungen“ (Gabler´s Wirtschaftslexikon online 2011).

    Bis heute wird „gleichzeitig … eingeräumt, dass bisher ‘kein geschlossener, allgemeingültiger Innovationsansatz bzw. keine allgemein akzeptierte Begriffsdefinition’ vorliege“ (ebenda; Welsch 2005: 31; vgl. Blättel-Mink 2006: 29).

    „Eine ähnliche Definition von Innovation mit der entsprechenden Einschränkung findet sich auch in der MS-Encarta Enzyklopädie 2000“ (Welsch 2005: 31).

    Laut Gabler´s Wirtschaftslexikon sind allen Definitionsversuchen zum Begriff Innovation folgende Merkmale gemeinsam:


    (1) Neuheit oder (Er-)Neuerung eines Objekts oder einer sozialen Handlungsweise, mind. für das betrachtete System und
    (2) Veränderung bzw. Wechsel durch die Innovation in und durch die Unternehmung, d.h. Innovation muss entdeckt/ erfunden, eingeführt, genutzt, angewandt und institutionalisiert werden.

    (Gabler´s Wirtschaftslexikon online 2011)

    Blättel-Mink (2006: 30) identifiziert aufgrund ihrer Recherche und ihren Überlegungen zum Begriff Innovation drei Merkmale von Innovationen, die zunächst einmal unabhängig von den wissenschaftlichen Disziplinen übergreifend gelten (sollen):


    • Innovationen können grundlegende Neuerungen sein oder Verbesserungen von bestimmten Verfahren, Prozeduren oder Strukturen,
    • Innovationen sind neu im radikalen Sinne des „zum ersten Mal in der Welt sein“, oder sie sind neu für das System, das diese Innovation einführt, und
    • Innovationen sind soziale Prozesse

    (Blättel-Mink 2006: 30)

    Für sich trifft Blättel-Mink noch die Annahme, das sich die Natur- und Ingenieurswissenschaften von den Geistes- und Sozialwissenschaften vor allem dadurch unterscheiden, „dass erstere Innovationen hervorbringen bzw. die Voraussetzungen dafür erbringen, während letztere über die Entstehung, die Implementation und den Erfolg von Innovationen nachdenken bzw. diese Prozesse auch (verstehend) erklären wollen“ (Blättel-Mink 2006: 31).

    Eine gute Übersicht über die unterschiedlichen disziplinären Perspektiven auf Innovation und deren definitorischen Zugänge findet sich bei Blättel-Mink (2006: 29-56) .

    Blättel-Mink, Birgit 2006: Kompendium der Innovationsforschung. Wiesbaden.

    Gabler´s Wirtschaftslexikon online 2011: URL: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54588/innovation-v7.html (Stand 30.09.2011).

    Welsch, Johann 2005: Innovationspolitik. Eine problemorientierte Einführung. Wiesbaden.

    Des Weiteren kann ich noch zum Thema auf folgende Publikationen verweisen:

    Braun-Thürmann, Holger 2005: Innovation
    (http://www.amazon.de/Soziologie-Innovation-Themen-Holger-Braun-Th%C3%BCrmann/dp/3899422910/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1336823862&sr=8-1)

    Bitte hierzu auch die Rezensionen dazu lesen!

    Seufert, Sabine 2006/2008: Innovationsorientiertes Bildungsmanagement
    (http://www.amazon.de/Innovationsorientiertes-Bildungsmanagement-Hochschulentwicklung-Sicherung-Nachhaltigkeit/dp/3531159437/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1336824109&sr=1-1)

    Meine Einschätzung derzeit: Innovation und Bildung sind zwei Begriffe, die immer aus der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin heraus und aus der aktuellen Zeit heraus interpretiert werden und werden müssen.

    Begriffe wandeln sich erst mit Geisteshaltungen und nicht quasi per neuer Definition!

    Ich kann Sie nur ermutigen den Schritt einer Definition eines allgemeinen Begriffs der Innovation zu versuchen, muss Ihnen aus meinen eigenen Erfahrungen gestehen, dass dies kein leichtes Unterfangen sein wird.

    Der Begriff der Innovation innoviert sich ständig selbst! Good luck!;-)

    Vielleicht helfen ja meine Anmerkungen bei Ihrer weiteren Forschung.

  2. admin sagt:

    Wow ! Besten Dank für die Quellen ! Lese gerade Werner Rammert: “Die Innovationen der Gesellschaft” in Howaldt, J.; Jacobsen, H.: Soziale Innovation (2010). Du schreibst (»Sie« ist hier in den Online-Umgebungen irgendwie unüblich …) : »Begriffe wandeln sich erst mit Geisteshaltungen und nicht quasi per neuer Definition!« Ich finde das trifft es, aber vielleicht sind die Änderung von Geisteshaltungen und die Neudefinition von Begriffen auch Teil eines zirkulären Prozesses. Bei den ersten Recherchen gewinne ich schon den Eindruck, dass in Bezug auf den Innovationsbegriff einiges in Bewegung ist.

  3. Arne Oberländer sagt:

    Warum steckst Du die Behauptung, dass Innovation mit Wachstum (untrennbar) verbunden ist, in Deine Ausarbeitung hinein? Das würde bedeuten, dass es nie etwas anderes als die Wachstumsphilosophie geben könnte – denn die Erneuerung/Innovation in eine andere Richtung wäre ja sofort wieder ein Wachstumsschritt. Da stimmt was nicht.
    Falls es – wirklich – eine direkte, einfach zu beschreibende Kausalität bzw. Mechanismen zwischen Innovation und (Schul-)Bildung zu entdecken gäbe, würde ich an Deiner Stelle bei der industriellen Revolution beginnen. … einer echten, alle Lebensumstände verändernden Zeitspanne also.
    Da Du sicher auf das Jetzt abzielst – weil es so verdammt gut zu Deinem Projekt und Forschungsthema passen würde – schlage ich Dir vor, Dir über die Ursachen von Web2.0 und der gesamten, dadurch geschwungenen Welle Gedanken zu machen. Nach meiner Meinung ist die Technik nicht der Auslöser, sondern der Esel. :-)

  4. wneuhaus sagt:

    Ich folge in meinem Verständnis von Wachstum John Dewey, der Wachstum als eine Grundfunktion des Lebens beschreibt. Wir Menschen wachsen genauso wie Pflanzen oder Tiere vom Embryo über das Baby bis hin zum Er»wachsenen«. Wir wachsen mit unseren Aufgaben, wie man umgangssprachlich sagt. Und mit uns wachsen die Erkenntnisse, Einsichten und Produkte, die wir erschaffen und damit auch unsere Wirtschaft und Kultur. Innovation hat dann für mich etwas mit den aktiven Gewohnheiten zu tun, die Dewey beschreibt, die für ihn das Gegenteil von eingeschliffenen Routinen sind, die wiederum Wachstum behindern: “Active habits involve thought, invention, and initiative in applying capacities to new aims. They are opposed to routine which marks an arrest of growth. Since growth is the characteristic of life, education is all one with growing; it has no end beyond itself.” (Dewey 1916, chapter04.html). Dieser Wachstumsbegriff ist natürlich meilenweit entfernt vom ökonomischen Wachstumsbegriff, der Wachstum verengt auf das Bruttosozialprodukt. Für mich klingt der dewey´sche Wachstumsbegriff wissenschaftlich, ökonomisch und kulturell weitaus plausibler als der Wachstumsbegriff, der fast täglich in der Tagesschau neue Ängste vor der Zukunft schürt. Also insofern ist für mich bei der Suche nach einer Definition von »Innovation« der Wachstumsbegriff schon sehr zentral.

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