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E-Learning als eigenständiges Konstrukt ist überflüssig geworden …

Dienstag, 16. Februar 2010

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Das Video auf e-teaching.org: 36. Statement zum E-Learning

Kürzlich habe ich die Sammlung “100 Meinungen zum E-Learning” auf E-teaching.org durch einen eigenen Beitrag ergänzt. Es fiel mir nicht gerade leicht, in 90 Sekunden das auf den Punkt zu bringen, was mich in meiner Arbeit bewegt. Vielleicht als Ergänzung meines etwas stockigen Video-Statements ein paar Anmerkungen, die mir persönlich wichtig sind:

Aus meiner Sicht ist es nicht in erster Linie die Technologie, die unser Lernen voranbringt sondern die Haltung und Motivation, mit der sich Lernende aktiv ihr Wissen aneignen. Wir als Lehrende sollten uns daher als erstes darum bemühen, Bedingungen zu schaffen, in denen Lernende vielfältige Möglichkeiten bekommen, dies aktiv zu tun. Welche Medien wir hierbei vorschlagen oder verfügbar machen, kann von Fall zu Fall entschieden werden.

Wir, die wir viel Spaß daran haben, in Online-Communities zu agieren, sollten uns als Experten in diesem Bereich nützlich machen, indem wir eine exemplarische Praxis entwickeln und dokumentieren. Um den Funken auf die große Mehrheit der professionell mit Bildung befassten Kolleginnen und Kollegen überspringen zu lassen, braucht es realistische und übertragbare Beispiele. Dabei sind die Anforderungen an die Medien von Zielgruppe zu Zielgruppe und von Themengebiet zu Themengebiet verschieden. Und wenn der Funke nicht überspringt, dann ist das auch kein Problem. Nicht immer ist das digitale Medium das Medium der Wahl, auch das Web 2.0 ist kein Allheilmittel.

Im Stile der Zeugen Jehovas zu missionieren, den Paradigmenwechsel herbeizutwittern oder aus den Stellungsgräben der Blogosphäre, im Kleinkrieg mit den Feuilletonisten die Avantgarde zu spielen, bringt niemanden weiter.

Alles was zählt, ist die Begeisterung für das Lernen.

IT-gestützte Vermittlungskompetenz

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Ich führe hier an der FU-Berlin in diesem Semester das zweite mal die Lehrveranstaltung “IT-gestützte Vermittlungskompetenz” durch.

Learners´ Garden - Online Community

Rahmenbedingungen:
Modul zur Informations- und Medienkompetenz für die Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV), Blockveranstaltung im Blended Learning-Format, 5 Leistungspunkte, Zielgruppe. Studierende in den Naturwissenschaften, Teilnehmerzahl: 15

Werkzeuge:
Die Studierenden nutzen standardmäßig als persönliche Lernumgebung einen Blog, ein Social-Bookmarking-System, Skype und einen Feed-Reader. Die gemeinsam erarbeiteten Inhalte werden in unserem Lehrveranstaltungs-Wiki (http://wiki.mediendidaktik.org) zusammengeführt, das nur für die Teilnehmer sichtbar ist. Folgende Blogs werden von den Teilnehmern des laufenden Semesters geführt:

http://shackelbusch.wordpress.com/
http://mkozakowski.wordpress.com/
http://jriemke.wordpress.com/
http://reiske.wordpress.com/
http://jleutzow.wordpress.com/
http://dpussak.wordpress.com/
http://julekrueger.wordpress.com/
http://akamalakumar.wordpress.com/
http://hhamouda.wordpress.com/
http://itmazdak.wordpress.com/
http://jklan.wordpress.com/
http://aylos84.wordpress.com/
http://aylos84.wordpress.com/
http://mschemie.wordpress.com/
http://mscchemie.wordpress.com/

Die in der Veranstaltung zusammengestellten Tools werden von den Studierenden unter den Gesichtspunkten Usability und Nützlichkeit für den spezifischen Einsatz-Kontext untersucht und erprobt und mit Hilfe einer Lime-Survey-Umfrage bewertet: http://forschung.mediendidaktik.org/index.php

Learners´Garden:
Solche Tools, die sich nach Erprobung und Bewertung als nützlich erweisen, werden auf der öffentlich zugänglichen Learners´Garden-Plattform zugänglich gemacht und nutzerfreundlich dokumentiert (Steckbrief, Links, Erfahrungsberichte): http://www.learnersgarden.de. Einmal eingetragene Tools können auf Learners´Garden von der Community bewertet und kommentiert werden.

Eine ausführliche Beschreibung unseres Veranstaltungskonzeptes findet sich im Tagungsband der letzten GMW-Jahrestagung oder hier: http://www.slideshare.net/wneuhaus/learners-garden

Im Rahmen des Didaktik-Moduls der Lehramtsausbildung für Physik-Lehrer führe ich jedes zweite Semester eine Lehrveranstaltung zum Thema Lehr- und Lernmethoden durch, in der ich nach vergleichbarem Muster ein Veranstaltungs-Wiki einsetze.

Schwierigkeiten/Widerstände:
Die zentralen Angebote unserer Universität bezüglich Web 2.0 sind zu unflexibel und unausgereift. Wir haben gute Erfahrungen mit öffentlich und in der Regel kostenlos zugänglichen Lösungen im Bereich Web 2.0.

John Dewey, 100 Sekunden Podcast

Montag, 26. Oktober 2009

John Dewey, Foto: United States Postal Service
Foto: United States Postal Service, scanned by Sebjarod

Die Schweizer Radio Station DRS stellt in ihrer Reihe “100 Sekunden Wissen” in einem Podcast den amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey vor: “100 Sekunden Wissen: John Dewey

Öffentliche Wissenschaft

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Mein letzter Beitrag zur Auswertung der diesjährigen GMW-Tagung hat für eine nicht ganz unerhebliche Öffentlichkeit gesorgt. Die Diskussion in der Blogger-Community einiger Aspekte meiner Auswertung hat mir hilfreiche Hinweise geliefert zur Formulierung des Forschungsstandes meines Dissertationsvorhabens (Produktorientiertes Lernen mit webgestützten Werkzeugen).

Foto: Mike Scoltock

Insbesondere die Hinweise von Gabi Reinmann und Rolf Schulmeister haben mir die Notwendigkeit deutlich gemacht, meine Begriffe bei der Formulierung von Thesen und Sachverhalten zu schärfen und vor allem möglichst nicht verkürzt darzustellen. Zugegebenermaßen kann eine Überschrift mit dem Titel “Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung” leicht den Eindruck erwecken, als wollte ich dem Behaviorismus wieder zu neuem Glanz verhelfen. Dem ist natürlich keinesfalls so, wie Abonnenten meines Blogs vermutlich wissen. Natürlich werde ich in meiner Arbeit dem Begriff des Lernens ein eigenes Kapitel widmen. Eckpunkte werden hier sein: der reformpädagogische Ansatz John Deweys, die erkenntnistheoretischen Positionen von Watzlawick und Ernst von Glasersfeld (Konstruktivismus), entwicklungspsychologische Konzepte von Vygotskij und Piaget, kognitionspsychologische Ansätze von Bandura bis Gerhard Roth und neurobiologische Konzepte von Maturana, Varela und Kandel aber eben auch der Behaviorismus Skinners.

Was aber in meinem Dissertationsvorhaben auch deutlich zu machen sein wird, ist, dass Lehrende in der Praxis vor der Situation stehen, verbindlich und verantwortungsvoll zu agieren. Studierende erwarten berechtigterweise nicht nur von ihren KommilitonInnen, sondern gerade auch von den Lehrenden Feedback bezüglich ihrer Lernfortschritte. Und dieses Feedback können wir nur auf Grundlage beobachteten Verhaltens oder daraus resultierender Produkte geben. Das bedeutet es genügt nicht, Lernen in der Theorie zu verstehen, wir müssen auch verstehen, was Lernen ganz praktisch bedeutet. Und deshalb ist es für jeden Lernenden aber in besonderem Maße auch für jeden Lehrenden erfoderlich das komplexe wissenschaftliche Wissen bezüglich der unterschiedlichen Lerntheorien herunterzubrechen auf das konkrete Handeln im Unterricht. Die Vorstellungen vom Lernen, die Lehrende im Hinterkopf haben, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Interpretation ihrer jeweiligen Praxis. Hierzu hat David Kember 1997 recht spannende Untersuchungen vorgelegt: “A Reconceptualisation of the Research into University Academics´Conceptions of Teaching“. Und da sind wir dann wieder bei der offensichtlich so ungeliebten Didaktik, als wesentlichem Ort einer Theorie-Praxisreflexion. Wichtige Eckpunkte der Didaktik wären für mich Klafkis Bildungstheoretische Konzepte, das Berliner Modell von Heimann/Otto/Schulz, die Konstruktivistische Didaktik von Kersten Reich, die ja stark an reformpädagogischen Konzepten John Deweys orientiert ist, der Community of Practice – Ansatz von Etienne Wenger und die aktuellen Impulse aus den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft.

Die Perspektive der Lernenden
Ziel und Ausgangspunkt meines Vorhabens ist es letztendlich, die Perspektive der Lernenden in den Mittelpunkt einer zukünftigen Mediendidaktik zu stellen und damit einen Diskurs anzuregen, der Wege aufzeigen kann, die Mediendidaktik wieder pädagogisch zu fundieren. Auf der Strecke bleibt bei dieser Diskussion vermutlich der E-Learning-Begriff (wie es sich ja bereits in den aktuellen Diskussionen rund um die GMW-2009 andeutet), da dieser in seinen vielfältigen Ausprägungen eher für eine technologische Verengung des Lernens steht.

Weiterhin zu klären bleiben noch der Kompetenzbegriff, worauf mich auch Gabi Reinmann hingewiesen hat und der Begriff der Medienkompetenz, der ja in seiner klassischen Form die Bedeutung der Werkzeugcharaktere des Computers nicht berücksichtigt.

So betreibe ich hier ein öffentliches Nachdenken über meine wissenschaftliche Arbeit, womit ich wie man gesehen hat, mich auch angreifbar mache. Meine bisherige Erfahrung mit dieser Art des Forschens ist dennoch durchweg positiv, da ich bereits im Entstehungsprozess der Arbeit wirklich reichhaltige und spezifische Kontakte, Hinweise, Links und Dokumente erhalte, auf die ich bei der Ausarbeitung im stillen Kämmerlein möglicherweise nicht gestoßen wäre. Natürlich stelle ich meine Funde und Entdeckungen im Zuge dieser Recherche auch öffentlich zur Verfügung, soweit dies rechtlich möglich ist. Auf meine Volltext-Sammlung zur Mediendidaktik lässt sich hier jederzeit zugreifen: Volltextsammlung Mediendidaktik.

Insofern bedanke ich mich hiermit schon mal bei meinen Kritikern aber vor allem auch bei denen, die mir bisher so viel positives Feedback gegeben haben. Ich bin gespannt auf den weiteren Diskurs.

Eine Renaissance der Hochschuldidaktik ? GMW 2009

Sonntag, 27. September 2009

Nachdem sich die ersten Wogen der GMW – Jahrestagung 2009 etwas geglättet haben und die hervorragende Tagungsorganisation durch Nicolas Apostolopoulos und sein Team für eine vielfältige Diskussion der Ergebnisse im Internet gesorgt hat, sollen hier – vor dem Hintergrund der verschiedenen online verfügbaren Tagungsrückblicke – Perspektiven herausgearbeitet werden, die aus meiner Sicht das mediengestützte Lernen an unseren Universitäten in Zukunft prägen könnten.


1. E-Learning am Scheideweg?

Viele Aspekte wurden bereits in den einschlägigen Blogs unseres Arbeitsfelds diskutiert (eine ausführliche Link-Liste findet sich am Ende des Beitrags). Twitter ist plötzlich in aller Munde, nützlich im Alltag, bei BarCamps und zur Organisation von Flashmobs und Tagungen. Für das mediengestützte Lernen hat Twitter aus meiner Sicht nur begrenzte Bedeutung. Die spannendste Diskussion zur GMW-Tagung wurde für mich durch Gudrun Bachmann und KollegInnen entfacht, die sich mit ihrem Tagungsbeitrag für die Abschaffung des E-Learning-Begriffs einsetzten. Die ReferentInnen berichteten von den guten Erfahrungen mit der Implementation von “E-Learning-freien” Lernarrangements an den Instituten der Universität Basel, in denen statt dessen die “Neuen Medien” ganz pragmatisch und kontextspezifisch eingesetzt wurden. Diese Erfahrungen kann ich aus meiner Zeit als E-Learning Berater an der Freien Universität Berlin voll und ganz bestätigen. Da wo wir uns nützlich machten, indem wir für ein spezifisches Anliegen das passende Medienangebot bereitstellten, wurde dieses von Lehrenden dankbar aufgenommen. Nur da, wo das bolidenhafte Learning Management System (bei uns: Blackboard) als Allheilmittel für alle didaktischen Anliegen “promoted” wurde, stießen wir – berechtigterweise – auf zähen Widerstand der Lehrenden, die das LMS bestenfalls als – bereits viel zitierte – “PDF-Schleuder” nutzten. Gabi Reinmann fragt sich in ihrem Blog – bezugnehmend auf die von den Baseler KollegInnen vorgetragene Position, ob das E-Learning an einem Scheidepunkt angekommen sei. Sie plädiert dennoch ausdrücklich dafür, am E-Learning-Begriff festzuhalten, weil sie den Begriff des Lernens – hinsichtlich seiner Interpretation durch Lehrende – für genauso unspräzise hält wie den Begriff des E-Learnings. Mir geht es an diesem Punkt ganz eindeutig anders.


2. Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung

Bereits seit der Einführung des E-Learning-Begriffs Ende der Neunziger Jahre ist er mir suspekt. Der Begriff der E-Mail dagegen war mir z.B. schon immer plausibel, weil mit dem “E” das elektronische Pendant des herkömmlichen Briefs bezeichnet wird. Nur was wäre ein elektronisches Pendant zum Lernen? Der Prozess, der in einem mit dem Computer verdrahteten Gehirn abläuft? Das wäre sicher eine gute SciFi-Karikatur, aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Für das menschliche Lernen gibt es keine digitale Alternative. Lernen ist unter psychologischer Perspektive – quer zu den unterschiedlichen Lerntheorien – ein wohl definierter und in der Fachwelt respektierter Begriff. Egal ob er aus behavioristischer, kognitivistischer oder erkenntnistheoretischer Perspektive interpretiert wird. Mit Lernen bezeichnen wir immer eine Verhaltensänderung des Menschen. Und genau diese, durch Beobachtung überprüfbare Verhaltensänderung, macht den Begriff des Lernens so wertvoll. Denn im Gegensatz zum eher prekären Begriff des Wissens, der ja immer etwas virtuelles bezeichnet, sind Verhaltensänderungen von den Lernenden selbst, wie auch von den Lehrenden, beobachtbar. Erst diese Möglichkeit, solche Prozesse beobachten zu können, eröffnet uns die Möglichkeit, Kompetenzen zu beschreiben und in der Unterrichtssituation mit diesen Kompetenzen umzugehen. Aus diesem Grunde ist und bleibt für mich der Begriff des Lernens der zentrale Begriff, wenn es darum geht, Vermittlungsprozesse in Schule und Hochschule anzuregen, zu organisieren und zu erforschen.

Ein weiterer recht breiter Konsens, der in der psychologischen Forschung bezüglich des Lernens anzutreffen ist, ist der, dass es prinzipiell nicht möglich ist, (Erfahrungs-) Wissen von einem Gehirn in ein anderes zu transferieren, wie man das z.B. von einem Upload am Computer kennt. Vielmehr ist immer ein Medium erforderlich, mit dem die das Wissen konstituierenden Informationen dargestellt werden können, um dann vom Gegenüber verarbeitet, behandelt, verstanden, akkommodiert, oder in ein mentales Modell übernommen werden zu können. Das bedeutet: Lernen ohne Medien ist prinzipiell nicht möglich.


3. E-Learning unterfordert Lernende

Damit wird klar: der Ruf nach Abschaffung des E-Learnings kann kein Ruf nach Abschaffung der Medien sein. Im Gegenteil: Es ist ein Ruf nach Befreiung aus dem engen Korsett technologisch interpretierter Bildungsmaßnahmen. E-Learning unterfordert die Lernenden, weil mit strukturgebenden digitalen Lernumgebungen herkömmlicher Art (Learning Management Systeme, Web Based Trainings, Testumgebungen, 3D-Welten) nur ein geringer Bruchteil menschlicher Handlungs- und Interaktionsmöglichkeiten angesprochen wird. Die Komplexität des menschlichen Gehirns erfordert offene, flexible und anregende Lernumgebungen. Gemeint sind damit Räume, Menschen, Objekte, Orte im realen wie im virtuellen Raum, die sich nicht auf das Geschehen an einem Computer-Monitor einengen lassen. Lernende und Lehrende sollten in Zukunft von Fall zu Fall entscheiden können, welche Medien für einen bestimmten Erarbeitungs- oder Kommunikationsprozess am besten geeignet sind. Es spricht nichts prinzipiell gegen Tafel und Kreide aber auch nichts gegen das Mobil-Telefon oder den Computer. Wir brauchen die Medien! Und: jede Zeit nutzt die Medien, die ihr zur Verfügung stehen. In unserer Zeit sind dies eben a u c h ! der Computer und die vielen Web 2.0 – Werkzeuge. Dabei sollten wir die Bedeutung dieser Werkzeuge für das Lernen in Schule und Hochschule nicht überbewerten und mystifizieren, wie das gerne von den Vertretern einer angeblichen Generation “Digital Natives” getan wird. Rolf Schulmeister belegte empirisch in seinem Beitrag zur GMW-Tagung, dass die heutigen Studierenden eher pragmatisch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Online-Tools umgehen (Schulmeister, 2009, S. 129-140).


4. Verortung einer Neuen Mediendidaktik

Natürlich ist der Streit um Begriffe nur ein Nebenkriegsschauplatz. Im Grunde geht es eben nicht nur um die Abschaffung des E-Learning-Begriffs sondern vielmehr um eine notwendige Fokussierung auf das Lernen an sich. Es geht darum, den durch das E-Learning ins Stocken geratenen Entwicklungsfluss medienpädagogischer Innovationen wieder in Gang zu setzen. Die immer wieder vollmundig versprochenen Revolutionen des Lernens durch den Computer haben bis heute nicht stattgefunden. Nicht etwa, weil die Lehrer an den Schulen und Hochschulen nicht fortschrittlich genug wären, sondern vielmehr weil viele von ihnen berechtigte Zweifel daran haben, der Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Lernenden gerecht werden zu können, wenn sie die nach wie vor zu umständlichen E-Learning-Lösungen (siehe z.B. LMS wie Blackboard oder Moodle) einsetzen.

Mediengestütztes Lernen braucht eine professionelle pädagogische Einbettung, die sicherstellt, dass die Perspektive der Lernenden im Zentrum aller planerischen Aktivitäten im Bildungskontext stehen. Die interdisziplinär zusammengesetzte E-Learning-Gemeinde und zum Teil auch die Mediendidaktik hat diese klare Orientierung weitgehend aus den Augen verloren. Deshalb schließe ich mich der Auffassung Michael Klebels an, der in einem Artikel zur “Entgrenzung durch Medien” die Notwendigkeit beschreibt, die Mediendidaktik als wissenschaftliche Disziplin (in Abgrenzung zum “Instructional Design”) zukünftig in der Allgemeinen Didaktik zu verorten (Klebl, 2006, S.15). Es ließe sich hier gut anknüpfen an Überlegungen, die Michael Kerres und Claudia de Witt bereits im Jahr 2002 veröffentlicht haben. Mit dem Artikel “Mediendidaktik quo vadis?” wiesen sie insbesondere auf die reformpädagogischen Ansätze John Deweys hin (Kerres&DeWitt, 2002, S. 1-22), die aus meiner sicht für die Allgemeine Didaktik nach wie vor von großer Bedeutung sind. Ein konstruktiver Diskurs zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu diesen Fragen ist überfällig. Möglicherweise könnte auch die Debatte in den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft hilfreiche Impulse geben (Welbers, 2003).


5. Klotz am Bein: die klassische E-Learning-Industrie

Hierbei erweist sich allerdings die klassische E-Learning-Industrie als deutlicher Klotz am Bein, wie man im Ausstellungsbereich der GMW-Tagung feststellen konnte. In Bezug auf die komplexen Zusammenhänge menschlichen Lernens stößt man hier häufig auf eklatante Wissenslücken, die sich leider auch in den von ihnen angepriesenen E-Learning-Produkten widerspiegeln. Mit den drastisch sinkenden Besucherzahlen auf den Branchen-Treffs (z.B. Learntec) stehen diese Unternehmen deutlich unter Druck, da sie nicht flexibel genug auf die durch den Web 2.0 Hype angestoßenen Impulse für ein soziales, demokratisches Lernen reagieren können. Ihre bolidenhaften Systeme sind meist zu komplex, zu hierarchisch strukturiert und zu schwerfällig, um in der alltäglichen pädagogischen Praxis eine zentrale Bedeutung einnehmen zu können. Andrea Back beschreibt diese Situation in ihrem Blog als eine durch das Web 2.0 hervorgerufene “disruptive Innovation” (Back, 2009).


6. Projektarbeit und inneruniversitäre Partnerschaften

Unabhängig vom dringend zu führenden Diskurs über die pädagogische Verankerung des mediengestützten Lernens gibt es bereits an einigen Hochschulen Intiativen, die in eine neue Richtung weisen. Das Augsburger Begleitstudium zum Beispiel, das auf der GMW-Tagung vorgestellt wurde, ist ein wunderbares Exempel dafür, wie anspruchsvolle Projektarbeit an unseren Hochschulen initiiert und begleitet und damit die Kompetenzentwicklung der Studierenden vorangebracht werden kann. Hier steht ganz offensichtlich die Perspektive der Lernenden im Mittelpunkt. Medien werden zweckgebunden und spezifisch dort eingesetzt, wo sie eine klare didaktische Funktion erfüllen. Der E-Learning-Begriff wäre hier im Grunde überflüssig. Die Projektmethode im Sinne des reformpädagischen Ansatzes John Deweys, der Communities of Practice Ansatz von Etienne Wenger kombiniert mit innovativen Konzepten des Medieneinsatzes würden hier genügen, um dieses Vorhaben erschöpfend zu beschreiben. Für mich war die Präsentation dieses Projektes der Höhepunkt der diesjährigen GMW-Tagung und ein möglicher Ausblick auf eine innovative Zukunft der Hochschullehre. So sah das offensichtlich auch die Mehrheit des GMW-Publikums, das dem Projekt den Publikumspreis des Medida-Prix verlieh. Die Jury des Medida-Prix sah das jedoch anders. Gewinner des eigentlichen Medida-Prix 2009 waren zwei eher klassische E-Learning-Projekte, denen der Preis natürlich zu gönnen ist. Aber die Chance mit dem Preis auch innovationsfördernd und richtungsweisend zu wirken, wurde leider verpasst.


7. Ein Riss durch die Community

Michael Kerres stellte sich in seinem Blog unmittelbar nach der Tagung die Frage, ob unter den Teilnehmern ein Bruch sichtbar wird, etwa zwischen der jüngeren und der älteren Generation unseres Arbeitsfeldes. Auch für mich ist ein gewisser Riss wahrnembar, aber aus meiner Sicht zieht er sich eher entlang der Frage, ob Lehren und Lernen aus der technologischen Perspektive betrachtet wird oder aus der pädagogischen. Und hier wurde für mich tatsächlich ein Trend erkennbar: Technologische Fragestellungen sind gegenüber pädagogischen deutlich in den Hintergrund gerückt und aus meiner Sicht geht tatsächlich auch die jüngere Generation entspannter mit dem Begriff Pädagogik um als die Ältere.

Spätestens während der hochkarätig besetzten, abschließenden Podiumsdiskussion der Tagung wurde der Riss spürbar. Eine Diskussion mit dem Publikum gab es leider nicht und auch die aktive Twitter-Community konnte dieses Manko nicht wirklich Wett machen.

Eine treffende Dokumentation der aufgeworfenen Fragen hat Gabi Reinmann in ihrem Blog veröffentlicht. Das einzige Schlagwort der Diskussion, das mir in Erinnerung bleibt ist das “Semantische Web”, dem offensichtlich eine große Zukunft im Kontext des E-Learnings vorausgesagt wird. Warum, ist mir wirklich schleierhaft, denn das Semantische Web liefert doch im besten Fall eine bessere Suchfunktion und eine optimierte Kommunikation zwischen Maschinen. Alles Faktoren, die mit den konkreten Verhaltensänderungen und den Kompetenzen der Lernenden recht wenig zu tun haben. Da kommt einem die grandiose Frage von Joachim Hasebrook in den Sinn: “Brauchen Computer zum Lernen eigentlich noch Menschen?” (Hasebrook, 2009)


8. Ausblick

Hoffnungsvoll gestimmt hat mich – nicht zuletzt – die Reaktion auf unseren eher pragmatischen Vorschlag zur Bereitstellung von Open Educational Ressources im Community-Verbund von Hochschulen und Individuen im Rahmen des Learners´ Garden Projektes. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten und Bildungsinstitutionen im deutschsprachigen Raum konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Eines von vielen Indizien, dass wir hier tatsächlich gerade einen Wandel erleben. Kompetetenzorientiertes Begleitstudium in Augsburg, mediengestütztes Lernen in Basel, Lernen durch Lehren in Ludwigsburg, produktorientiertes Lernen im Learners´Garden, allerorten EduCamps: Ilmenau, Berlin, Hamburg, Graz … Stehen wir vor einer Renaissance der Hochschuldidaktik? Die Zukunft wird es zeigen.

Spannende Zeiten …


Literatur

  • Back, A. (2009). Disruptiv Innovieren in E-Learning und Kommunikation. Retrieved September 26, 2009, from: http://www.business20.ch/2009/01/20/disruptiv-innovieren-in-e-learning-und-kommunikation/
  • Hasebrook, J. (2009). Zukunft des E-Learning: Brauchen Computer zum Lernen noch Menschen? Retrieved September 26, 2009, from: http://www.equalification.info/_media/Hasebrook_Zukunft_E-Learning.pdf
  • Kerres, M. de W., C. (2002). Quo vadis Mediendidaktik? Zur theoretischen Fundierung von Mediendidaktik. MedienPädagogik.
  • Klebl, M. (2006). Entgrenzung durch Medien: Internationalisierungsprozesse als Rahmenbedingung der Mediendidaktik. MedienPädagogik. Retrieved September 26, 2009, from http://www.medienpaed.com/2006/klebl0607.pdf
  • Schulmeister, R. (2009). Studierende, Internet, E-Learning und Web 2.0. In N. Apostolopoulos, H. Hoffmann, V. Mansmann, & A. Schwill (Eds.), E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter (pp. 129–140). Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
  • Welbers, U. (2003). Vermittlungswissenschaften – Wissenschaftsverständnis und Curriculumsentwicklung. Düsseldorf: Grupello.
  • Blogbeiträge zur Jahrestagung der GMW 2009: Kerstin Mayrberger, Joachim Wedekind, Marcel Kirchner, Michael Kerres, Nadine Kämper, Christian Spannagel, Ilona Buchem, Carola Brunnbauer, Mandy Schiefner, Gabi Reinmann, Tagungsblog der GMW

    PDF-Version dieses Beitrags: Tagungsrückblick zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) 2009

    Tagungsband der GMW 2009: E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter

    Medien in der Wissenschaft Band 50: E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs

    Learners´ Garden Community im Beta-Test !

    Donnerstag, 10. September 2009

    Ab sofort ist die Community-Plattform “Learners´Garden” online. Ihr seid alle herzlich eingeladen, Euch als Beta-Tester zu registrieren. Worum geht es: Die Idee ist es, Lernenden für einen spezifischen Zweck die jeweils bestmöglichen Online-Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.

    Learners´Garden Projekt

    Da es unglaublich viele Zwecke gibt und ständig neue Online-Werkzeuge auftauchen, glauben wir, dass es der einzig sinnvolle Weg ist, ein solches Angebot über eine Online-Community zu betreiben, da nur diese die Kapazitäten hat, derartig viele Informationen aktuell zu halten. Die Webpräsenz wird durch eine verteilte Online-Redaktion betreut, die eine nutzerfreundliche Darstellung und Bewertung der Tools sicherstellt und die Verfahren zur Bewertung der einzelnen Beiträge diskutiert und weiterentwickelt. Wir bemühen uns außerdem darum, ein offizielles Herausgebergremium aus einschlägigen pädagogisch/diddaktischen Lehrstühlen zusammenzustellen.

    Ziel ist es, mit diesem Vorhaben Projekt-, Produkt- und Portfolio-orientierte Formen des Lernens anzuregen und zu unterstützen. Die Learners´Garden Plattform entstand als Nebenprodukt meines Dissertationsvorhabens in diesem Themenfeld. Um dem Projekt ein möglichst breites pädagogisches Fundament zu geben, suchen wir Kooperationspartner an allen deutschsprachigen Universitäten, die bereit sind, in der verteilten Online-Redaktion mitzuarbeiten. Interessierte melden sich bitte unter: redaktion@learnersgarden.com .

    Wer zur GMW-Tagung nächste Woche kommt, ist herzlich eingeladen, dort die weiteren Perspektiven des Projektes mitzudiskutieren.

  • Die Learners´Garden Plattform
  • Der GMW-2009-Vortrag (Slides)
  • GMW-2009-Vortrag (Hintergrund-Artikel)
  • Online-Registrierung für Beta-Tester
  • GMW 2009 – Workshop: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Montag, 31. August 2009

    Kurze Info für alle, die schon zur Pre-Conference der diesjährigen GMW-Tagung kommen oder im Rahmen der DeLFI-Tagung vor Ort in Berlin sind: Wir bieten am 14.9.2009 einen Workshop für Lehrende in unseren Produktionslaboren an: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre. Alle Aspekte von der digitalen Aufnahme im digitalen Fotolabor bis zur Programmierung in Actionscript/Flash werden praxisnah vermittelt, für je zwei Teilnehmer steht ein Mac-Arbeitsplatz zur Verfügung. Betreut wird der Workshop von Jürgen Kirstein, der die IBE´s (Interaktive Bildschirmexperimente) seit über zehn Jahren entwickelt, meiner Wenigkeit und unseren IBE-Tutoren. Abschließend gibt es einen Überblick über die Produktionen, die wir aktuell für die Fachbereiche Biologie, Chemie, Veterinärmedizin und Physik produziert haben.

    Detailinformationen zum Workshop und zur Anmeldung finden sich hier: Tutorial: Interakive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Hintergrundinfos zu unserem Arbeitsansatz im Bereich Physik: http://didaktik.physik.fu-berlin.de/projekte/ibe/beispiele/index.html

    Die Teilnehmerzahl im Workshop ist begrenzt auf 12 Teilnehmer. Bei Interesse also bitte rechtzeitig anmelden!

    Anmeldung: GMW-ConfTool

    Die Basis eines Aufbruchs …

    Donnerstag, 2. Juli 2009

    … lässt sich im aktuellen Band zum Thema E-Learning der GMW-Reihe “Medien in der Wissenschaft” nicht wirklich entdecken“ auch wenn der Untertitel des Bandes dies in Aussicht stellt: “E-Learning: Eine Zwischenbilanz“ Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs“. Vielleicht hilft eine öffentliche Diskussion, diese Basis zu finden. Kritische Kommentare sind willkommen:

    Versuch einer Einordnung
    Sieht man einmal davon ab, dass in diesem GMW-Band ein Blick über den eigenen Tellerrand nur ansatzweise gelingt und eine schlüssige Analyse des Umstands dass die flächendeckende Einführung von E-Learning an unseren Universitäten im Mittelbau selten als Innovation wahrgenommen wird, findet sich in einigen Artikeln des Bandes sehr wohl ein aufrichtiger Rückblick, der erfreulicherweise hier und da sogar in Selbstkritik mündet. So bilanzieren z.B. Kreidl&Dittler nach der Befragung von E-Learning Verantwortlichen an 13 Universitäten:

    “Zusammenfassend lässt sich feststhalten, dass didaktische Überlegungen bei der Einführung von E-Learning aus der heutigen Wahrnehmung eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 269).

    Die Motivation zur Einführung von E-Learning an Hochschulen im deutschsprachigen Raum bestand also weniger darin, die Qualität der Lehre zu verbessern sondern vielmehr ging es offensichtlich darum, als Universität nach Außen den Eindruck von Innovation zu vermitteln:

    “Auch wenn die Sinnhaftigkeit des E-Learning-Angebotes teilweise nicht ausreichend hinterfragt wurde bzw. wird, entwickelte sich das Vorhandensein einer umfassenden elektronischen Unterstützung des Studiums zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen den Hochschulen” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 266).

    Wohltuend ist es, zu lesen, dass das Fehlen einer nachhaltigen Veränderung der Lernkulturen an den Universitäten nicht einfach der unverbesserlichen Haltung der Lehrenden zugeschrieben wird, sondern dass zumindest durch den Beitrag von Rolf Schulmeister deutlich wird, dass die technologische Unreife heutiger E-Learning Lösungen , einer anspruchsvollen Pädagogik nicht gerecht wird. Nach Schulmeister engagieren wir uns für das Medium Computer, weil es immer auch ein Versprechen auf die Zukunft enthält:

    “Daher wäre es eine der größten Fallen, in die wir tappen können, wenn wir diese Perspektive verkennen und unsere Lehre voll und ganz der aktuellen Technologie anpassen und nicht warten würden, bis die Technologie reif für unsere eigentlichen Ideen ist” (Schulmeister, 2009, S. 317).

    Um eine Basis zu finden, die Qualität der Lehre mit Hilfe von Medien und E-Learning nachhaltig zu verbessern, wäre es erforderlich, das gesamte Spektrum jener wissenschaftlichen Disziplinen zu berücksichtigen, die relevante Beiträge hervorgebracht haben, das E-Learning als interdisziplinäres Phänomen zu Konturieren. Hier spielt die Mediendidaktik genauso eine Rolle wie die Erziehungswissenschaften, die Allgemeine Didaktik und die Fachdidaktiken, wie auch Informatik, Wirtschaftsinformatik, Medienwissenschaften oder Psychologie.

    Im vorliegenden GMW-Band wird nur ein kleiner Ausschnitt der hier zu berücksichtigenden Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet. So wird z.B. das von Niklas Luhmann postulierte Technologiedefizit der Erziehung in einem Artikel von Bernd Kleinmann herangezogen, um darzulegen, „inwiefern E-Learning von dem basalen Technologiedefizit aller Erziehung betroffen ist“.

    Kleinmann unterschätzt jedoch die Breite der Theorie-Praxis-Reflexion in Didaktik und Pädagogik wenn er schreibt: „Pädagogik operiert (und kann nur operieren) auf der Basis unterstellter kausaler Wirkungsgesetzmäßigkeiten, die sie selbst – wenn auch an anderer Stelle, nämlich in der von der Praxis geschiedenen Forschung – als unangemessen, weil die Verhältnisse hoffnungslos verkürzend, zurückweist“ (Kleinmann, 2009, S. 78).

    Unsere gesamte Kultur, wie auch unsere Subkulturen sind das Ergebnis langjähriger, vielfach überlieferter, erfahrungsorientierter Erziehungsprozesse, die in allen Gesellschaften stattfinden. Es is schon immer so, dass die Erfahrenen, in einer Gesellschaft ihr Wissen weitergeben an die Unerfahrenen. Als Erziehung definiert John Dewey genau diesen Prozess (Dewey, 1916, Chapter 1). Dass sich keine Kausalzusammenhänge zwischen der Absicht eines Lehrers und dem was ein Schüler lernt herstellen lassen, ist ein Argument FÜR die Pädagogik . Denn in der Pädagogik und der Didaktik wird vor allem erforscht, erprobt und umgesetzt, wie (Lern-)Umgebungen zu gestalten sind, damit Lernende optimale Möglichkeiten erhalten jenes Wissen zu konstruieren, das sie zu erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft macht.

    Allerdings ist das „Technologiedefizit der Erziehung“ ein weiteres Argument gegen das Instruktionsdesign, dessen Vertreter ja bis heute bemüht sind, Kausalzusammenhänge zwischen Lehrhandeln und Wissenskonstruktion der Schüler zu definieren. Siehe z.B.: Merill, 2009: „First Principles of Instruction“. So zitiert Kleinmann durchaus zutreffend Niklas Luhmann, der mit Karl Eberhard Schorr vorschlägt : „die Suche nach den objektiven Kausalgesetzen in zwischenmenschlichen Beziehungen einzustellen und statt dessen zu fragen, auf Grund welcher Kausalvorstellungen die Menschen handeln“ (Luhmann&Schorr, 1982, S. 18).

    Einen weiteren Blick über den Tellerrand wagt Iwan Pasuchin, der zentrale Ansätze der Medienpädagogik mit denen der Mediendidaktik unter dem Gesichtspunkt Medienkompetenz in Beziehung setzt. Die Darstellung historischer pädagogischer Strömungen im Umfeld von Medienpädagogik und Mediendidaktik wirkt jedoch ungenau und stark verkürzt, so dass im Fazit seines Beitrags keine wirklich neuen Erkenntnisse auszumachen sind .

    Auch wenn die Praxisreflexionen im Band z.B. von Michael Kerres oder Peter Haber einige Potenziale aktueller und zukünftiger Technologien aufzeigen, lässt sich die Basis für einen Aufbruch in dieser GMW-Publikation nicht ausmachen.

    So bleibt es uns, als Akteuren in diesen weiten Landschaften des mediengestützten Lehrens und Lernens, zu identifizieren, wo wir uns mit unserem Knowhow wirklich nützlich machen können. Den Lehrenden etwas aufschwatzen, was keine eindeutigen Vorteile gegenüber dem Herkömmlichen bietet, scheint keine Sinnvolle Option zu sein. Wer hat Vorschläge?

    Zitierte Literatur:

    • Dewey, J. (1916). Democracy and Education. The Macmillan Company. Retrieved July 2, 2009, from http://www.ilt.columbia.edu/publications/dewey.html
    • Dittler, U., Krameritsch, J., Nistor, N., Schwarz, A., & Thillosen, A. (Eds.). (2009). E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
    • Kleinmann, B. (2009). Technologiedefizite technologiebasierter Lehre? Unzeitgemäße Betrachtungen zu E-Learning im Hochschulkontext. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Kreidl, C., & Dittler, U. (2009). E-Learning: Wieso eigentlich? Gründe für die Einführung von E-Learning an Hochschulen im Rückblick. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Luhmann, N., & Schorr, K. E. (1982). Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In Zwischen Technologie und Selbstreferenz. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Merill, D. M. (2009). First Principles of Instruction. Utah: Utah State University.
    • Schulmeister, R. (2009). Der Computer enthält in sich ein Versprechen auf die Zukunft. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.

    Wohin mit den Learning Management Systemen?

    Donnerstag, 18. Juni 2009

    Lehrer benötigen schlanke, effiziente Werkzeuge, um ihre Lernumgebungen auch adhoc mit produktiven oder kommunikativen Elementen anreichern zu können. Learning Management Systeme kommen da zu bolidenhaft daher, Sie sind kaum geeignet, der komplexen Vielfalt alltäglicher Lernsituationen in Schule und Hochschule gerecht zu werden.

    moodle-logo-2

    Mit diesem Erfahrungswissen im Hinterkopf – erarbeitet durch zahlreiche Modellprojekte mit Moodle-Plattformen und mehrjähriger Erfahrung mit dem Blackboard-LMS in unterschiedlichsten Lehrkontexten an der Freien Universität Berlin – wurde ich gebeten für das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin- Brandenburg (LISUM) auf einer Fachtagung zum Thema Lernmanagementsysteme, deren didaktischen Nutzen darzustellen …

    Da das Bildungsministerium in diesem Zusammenhang nicht unerhebliche Summen für die Medienentwicklungsplanung speziell für die Brandenburger Gymnasien in Aussicht gestellt hat, bemühte ich mich darum, das Thema diplomatisch anzugehen. So wies ich neben meiner grundlegenden Kritik am E-Learning Begriff und den damit assoziierten Praktiken auch auf die Stärken dieser Systeme hin. Diese bestehen für mich vor allem darin, dass es möglich ist, Dokumente gruppenspezifisch zugänglich zu machen und die eingetragenen Teilnehmer eines Kurses mit einem Klick per E-Mail zu erreichen. Die meisten darüberhinausgehenden Funktionen wie z.B. Wiki-Funktionalitäten, Blogging, E-Portfolio, Tests, Kalender etc. werden in der Regel durch – häufig kostenlose – Systeme und Services sehr viel professioneller bereitgestellt als das in den gängigen Learning Management Systemen möglich ist. Die entsprechenden Alternativen stellte ich auf einem dekiwiki unserer Wikifarm zur Verfügung, das für mich auch gleichzeitig ein gelungenes Beispiel einer effizienten Nutzeroberfläche darstellt (z.B. : Seitenüberschriften werden automatisch als Navigationspunkt in der korrekten Navigationshierarchie dargestellt).

    Die Anwesenden Vertreter der LMS-Anbieter (Fronter, Edunex, Moodle, Lonet, Vcat) waren keineswegs amüsiert und konterten u.a. : Learning Management Systeme ermöglichen innovative und kreative Praktiken, mit denen – differenziert nach Leistungsstand – Schülern passgenaue Lernangebote gemacht werden können. Meine Antwort auf diese Replik stellte die Anwesenden Vertreter der E-Learning Industrie dann ruhig: “Binnendifferenzierung ist tatsächlich eine Innovation, aber keine Innovation der E-Learning-Branche oder der LMS-Produzenten sondern eine Innovation der klassichen Pädagogik, die sich in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchsetzte und die seitdem für viele Lehrer zum Standardrepertoire gehört.”

    Einen durchaus interessanten Vorschlag machte der Moodle-Vertreter: Learning Management Systeme sollten besser Schul-Management-Systeme oder ähnlich genannt werden, da es bei diesen Systemen primär nicht um das Lernen direkt geht sondern um die strukturelle Unterstützung entsprechender Prozesse. Vielleicht liegt hier tatsächlich eine zukünftige Verwendungsform dieser Systeme. Sie könnten, da ihre Struktur ohnehin stärker an den hierarchichen Strukturen von großen Institutionen wie Schulen, Universitäten oder Großunternehmen orientiert sind, eher als Verwaltungsinstrumente dienen, denn als Unterstützungssysteme für die konkrete pädagogische Praxis.

    Mein Vortrag gliederte sich in vier Abschnitte: (1) Lerntheorie und Allgemeine Didaktik (2) Medienwahl (3) Didaktische Funktion (4) Einsatzszenarien. Diese Abschnitte wurden konotiert durch einen Diskurs zur parallelen und dennoch weitgehend berührungslosen Entwicklung von E-Learning und Lehrerbildung, der durchaus einige Aha-Effekte bei den anwesenden Gymnasiallehrern auslöste.

  • Foliensatz : Learning Management Systeme für die schulische Praxis
  • Begleitendes Wiki, das gerne als Sandbox genutzt werden kann
  • Kostenloses Dekiwiki als Webservice: mindtouch Express
  • Fachtagung Lernmanagementsysteme (LMS) eine Perspektive für Medienentwicklungsplanung?
  • Vermittlungsprozesse sind keine Lernprozesse

    Donnerstag, 4. Juni 2009

    Foto by Yata, published under a Creative Commons Licence

    Vermittlungsprozesse sind ohne Medien nicht denkbar. Jede Zeit hat ihre Medien mit denen sie vertraut ist. Multimedia, Internet und die vielfältigen webgestützten Werkzeuge gehören heute genauso zum allgemeinen Medien-Repertoire wie das Buch, das Schreibheft oder das Tafelbild. So ist es in jedem Falle sinnvoll, solche Medien im Unterricht einzusetzen, zu denen Studierende und Lernende einen leichten Zugang haben. Wenn allerdings die durch den Einsatz von Medien ausgelösten Vermittlungsprozesse gleichgesetzt werden mit dem Lernprozess, dann wird es problematisch. Denn der Lernprozess ist sehr viel komplexer als das, was während der Nutzung eines Mediums abläuft. Er ist auf vielfältige Art und Weise mit Erfahrungen, Handlungen und sozialen Interaktionen jenseits des Bildschirms, des Buches oder des Tafelbildes verwoben. Selbst gängige Beschreibungen von Blended Learning Konzepten nehmen hierauf selten Bezug.