Mediendidaktik   home

Archiv für die Kategorie „Hochschule“

Das Schulbuch der Zukunft ist ein
Schulbuch der Schüler

Sonntag, 13. November 2011

Eine Meldung von Markus Beckedahl, auf seiner Homepage netzpolitik.org hat jüngst die deutsche Edublogger-Community aufgeschreckt. In einem Vertrag zwischen den Kultusministerkonferenzen der Länder und dem Verband der deutschen Schulbuchverlage (VdS) wurde unter anderem vereinbart, dass die Verlage kommunalen und privaten Schulträgern eine Plagiatssoftware zur Verfügung stellen, die automatisch die Speichersysteme in mindestens 1% der öffentlichen Schulen nach nicht genehmigten Kopien durchsuchen soll. Gemäß der Statistiken des Statistischen Bundesamtes, beträfe das ca. 340 Schulen. Der damit transparent werdende enorme Vertrauensbruch gegenüber den Lehrern und die datenschutzrechtlich höchst bedenkliche Durchführung dieser Maßnahme führte zu empörten Diskussionen über die breit vernetzten Twitter-Clients der Edublogger. Christian Füller, Taz-Autor und Bildungsexperte, regte eine breitere Diskussion an, die voraussichtlich in zwei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema münden wird – getragen von der Heinrich Böll Stiftung. Die Diskussion findet derzeit auf Twitter unter den Hashtags #sb20 und #schultrojaner statt, auf einem öffentlich zugänglichen Etherpad und auf dem Blog von Christian Füller. Auf Grund der aufgeheizten Diskussion konkretisierte der VdS die Gründe und Zusammenhänge für den geplanten Einsatz der Plagiatssoftware in einer dafür zusammengestellten FAQ-Liste. Im Anschluss an die Online-Diskussion kritisierte auch der Verband für Bildung und Erziehung den dubiosen Vertrag und die klassichen Medien griffen den Vorgang auf (siehe z.B. taz, ZDF oder Spiegel). In der Online-Diskussion wurde das Verhalten der Schulbuchverlage vielfach als Verzweiflungsakt gewertet, weil diese offensichtlich – ähnlich wie vor einigen Jahren die Musik-Industrie – keine Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel durch die flächendeckende Digitalisierung und Kopierbarkeit externalisierter Kultur- und Bildungsgüter haben. So entstand die Frage, wozu in der heutigen Zeit überhaupt noch Schulbuchverlage gebraucht werden und es wuchs der Impuls in der Online-Community, die international bereits weit verzweigten Initiativen zu »Open Educational Ressources« (OER) im deutschen Schulwesen besser nutzbar zu machen. Hierzu entspinnen sich derzeit auf verschiedenen Blogs einige Ideen (z.B. herrlarbig.de , rete-mirabile u.a. ). Heise.de stellte spontan entsprechende Ansätze und Initiativen zum Thema OER in einem Artikel zusammen.

Im Vertrauen darauf, dass das zwielichtige Verhalten des Verbands der Schulbuchverlage von den politisch Verantwortlichen bald unterbunden wird (Die Piraten haben in Berlin mit einer großen Anfrage die Diskussion aufgenommen, Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger kritisiert bereits öffentlich den Vorgang), möchte ich hier aus konstruktivistischer Perspektive einige Aspekte zur Diskussion um die Zukunft des Schulbuchs beisteuern, die wir derzeit im Projekt »Technology Enhanced Textbook« diskutieren.

1. Lernen als kommunikative Auseinandersetzung mit der Erfahrungswelt
Lernen ist dann besonders erfolgreich und nachhaltig, wenn Lernende ihr Wissen aktiv konstruieren. Aktuelle Forschungsergebnisse der Hirnforschung bestätigen diese ursprünglich reformpädagogische Auffassung, genauso wie zahlreiche theoretische Modelle der Kognitionspsychologie. Der Aufbau aktivierbaren Erfahrungswissens ist verbunden mit vielfältigen aufeinanderbezogenen Lernaktivitäten wie Entdecken, Problemlösen, Kooperieren, Recherchieren, Kategorisieren, Konstruieren, Imitieren, Einprägen, Üben und Anwenden. Obwohl die hinter diesen Lernaktivitäten liegende psychologische Theorie gut entwickelt ist, setzen sich hierauf abgestimmte pädagogische Modelle in Schule und Hochschule nur langsam durch. Eine innovative Neuausrichtung im konstruktivistischen Sinne ist dringend erforderlich. Heute verfügbare Online-Technologien weisen große kommunikative Potenziale auf, die geeignet sind, derartige konstruktivistisch angelegte Lernsettings zu unterstützen. Für uns in der AG Nordmeier ist das ein Grund, ein technologisch erweitertes Lehrbuch zu entwickeln, das diese Potenziale besser ausschöpfen soll.

2. Probleme mit dem klassischen Schulbuch
Das klassische Schulbuch bietet nur wenige Ansatzpunkte für aktive Formen der Wissenskonstruktion. Die im wesentlichen rezeptive Nutzung des Schulbuchs führt dazu (wenn diese nicht mit erfahrungsaufbauenden Aktivitäten verbunden ist), dass Schüler sich bestenfalls »träges Wissen« aneignen, das in realen Situationen nicht abrufbar oder aktivierbar ist. Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, warum das Schulbuch zumindest im naturwissenschaftlichen Unterricht nur verhältnismäßig selten eingesetzt wird. Gottfried Merzyn führte in den 90iger Jahren eine bundesweite Befragung unter Physiklehrern zur Bedeutung des Schulbuchs durch. 577 Lehrer nahmen an dieser Befragung teil. Ein zentrales Ergebnis der Studie: “Obwohl Physik-Schulbücher primär für die Schüler gedacht sind, werden sie am intensivsten von Lehrern bei der Unterrichtsvorbereitung genutzt” (Merzyn, 1994, S. 236). Er stellt fest, dass es weit verbreiteter Lehrerbrauch ist, sich von den Ideen unterschiedlicher Schulbücher bei der Planung des Unterrichts anregen zu lassen. Im Unterrichtsalltag der Physik werden Schulbücher vor allem für das gemeinsame Betrachten von Abbildungen, Grafiken und Tabellen herangezogen.

3. Open Educational Ressources und das »träge Wissen«
Wenn wir uns mit den Möglichkeiten des Internets und den vielfältigen digitalen Endgeräten befassen, die jede Art von Inhalten überall und jederzeit leicht verfügbar machen, liegt es nahe, »Open Educational Ressources« als generelle Alternative zum Schulbuch in Betracht zu ziehen. Was aus ökonomischen Gründen durchaus Sinn macht, nämlich einmal erarbeiteten Content auch anderen Lernenden auf diesem Wege zur Verfügung zu stellen, ist aus mediendidaktischer Perspektive nicht automatisch ein Erfolgsmodell. Wenn Lehrer ihren Content online z.B. in einem Wiki verfügbar machen (siehe z.B. ZUM-Wiki), dann hat dieser Content für die Schüler häufig auch keine andere Funktion, als Texte und Grafiken des Schulbuchs, die bestenfalls dabei helfen, träges Wissen aufzubauen. Das Wiki, genauso wie das klassische Schulbuch bleiben in solchen Fällen in erster Linie ein Medium des Lehrers, der hier Angebote zur Rezeption für seine Schülerinnen und Schüler zusammenstellt. Wäre es nicht besser, wenn wir über diese traditionelle Stufe des didaktischen Designs hinausgehen und Wiki und Schulbuch zum Medium der Schüler machen? Hier liegt aus meiner Sicht die große Chance des zukünftigen Schulbuchs. Schülerinnen und Schüler konstruieren ihr persönliches Wissen, werden zu Autoren und Gestaltern ihres eigenen personalisierten Schulbuchs, nutzen die ganze Vielfalt von online vefügbaren Medien-Modulen, Materialien und Informationen. Viele der oben dargestellten Lernaktivitäten zum Aufbau von Erfahrungswissen würden damit angeregt. Schülerinnen und Schüler mit schwierigem sozialen Hintergrund und geringen individuellen Lernvoraussetzungen wären allerdings in besonderem Maße darauf angewiesen, bei der Entwicklung entsprechender Fähigkeiten individuelle Unterstützung zu erhalten. Um die ganze Vielfalt möglicher Lernaktivitäten ansprechen zu können, müsste das Schulbuch der Zukunft noch über einige weitere Eigenschaften verfügen:

4. Das technologisch erweiterte Schulbuch als personalisiertes Medium
Derzeit entwickeln wir unterschiedliche Demonstratoren eines solchen Schulbuchs, die das Ziel haben, Phänomene unserer Umwelt durch aktive Handlungen erfahrbar zu machen. Aus didaktischer Perspektive kristallisieren sich dabei drei zentrale Funktionen heraus, die das »Lehrbuch« (im Ausbildungs- und Hochschulkontext) bzw. das »Schulbuch« (im Sekundarbereich und dem Gymnasium) in Zukunft bereitstellen wird:

  • Sammlungsort für die persönliche Externalisierung von Wissen
    Wir konzipieren das Schulbuch als personalisierte interaktive Anwendung auf mobilen Endgeräten wie Smartphones, Ipads, Android-Tablets u.ä. Die Portfolio-Funktion des technologisch erweiterten Schulbuchs ermöglicht es, selbst erstellte externalisierte Wissensfragmente, sowie über das Web zugänglich gemachte Content-Bausteine in individuell gestalteten, übersichtlichen Strukturen abzulegen (intuitiv bedienbar – nicht vergleichbar mit den umständlichen Funktionen längst überholter Learning Management Systeme). Die Navigation kann bei Bedarf neben der persönlichen Inhaltsstruktur auch die von Lehrern zusammengestellten oder durch spezifische Lehrwerke vorgegebenen Inhaltsverzeichnisse ein- und ausblenden. Die individuelle Wissenskonstruktion erhält so ein gut durchsuchbares, den eigenen Entwicklungsschritten angepasstes Abbild der persönlichen Konstruktions- und Rechercheprozesse. Integriert werden können alle über das Web zugänglichen Informationen, seien es »Open Educational Ressources«, Inhalte unter Creative Commons Lizenz oder von Wissensbrokern angebotene, kostenpflichtige Medien-Module.
  • Werkzeugkasten zur Erfahrbarmachung von Phänomenen in der Umwelt
    Die verschiedenen Sensoren und technischen Schnittstellen, über die mobile Endgeräte bereits heute verfügen, werden zum Messen, Detektieren, Experimentieren, Zeigen, Finden, Zusammenstellen und Kommunizieren nutzbar gemacht. Phänomene in der physischen, wie in der virtuellen Umwelt können handelnd untersucht, ausgewertet und analysiert werden. Aktive Formen der Wissenskonstruktion werden damit angeregt und unterstützt.
  • Schnittstelle für Kommunikation und Austausch
    Im Schulbuch erarbeitetes und zusammengetragenes Wissen kann auf allen Stufen der persönlichen Lern- und Erarbeitungsprozesse mit anderen Lernenden online ausgetauscht und kommuniziert werden. Dazu werden Schnittstellen zu gängigen Sozialen-Netzwerken wie Twitter, Facebook, Diaspora oder Google+ genutzt, wie auch Möglichkeiten zur Live-Kommunikation über Systeme wie Skype oder Google-Talk. Virtuelle Experimente können gemeinsam bedient und ausgewertet werden. Nach Bedarf können spezifische Zusammenstellungen von Inhalten an online vernetzte Partner weitergegeben werden.
  • Hinsichtlich der Finanzierung des »Technology Enhanced Textbooks« und der dafür verfügbaren interaktiven Medien-Module diskutieren wir mit potenziellen Verwertungspartnern (Bildungsmedien-Anbietern, Museen, Schulen, Hochschulen, Hörfunk- und Fernsehanstalten) Geschäftsmodelle, die es möglich machen, die Kosten für die Produktion zu decken. Sichergestellt werden soll dabei, dass ein Grundbestand dieser Medien als »Open Educational Ressources« verfügbar gemacht werden kann (Stiftungsmodelle, PayPerClick-Lösungen, kreative Formen der Mehrfachverwertung).

    Was denkt Ihr über die Umsetzung dieser Vision? Bis Ende 2013 wollen wir entsprechende funktionstüchtige Demonstratoren realisiert haben. Macht das alles Sinn? Übernehmen Wissensbroker in Zukunft die Funktion der Schulbuchverlage? Wie lassen sich didaktisch hochwertige Medien finanzieren? Wie können wir didaktische Qualität und »Open Educational Ressources« miteinander in Einklang bringen?

    Horizon Report 2011: "Innerhalb der nächsten drei Jahre werden universitäre Lehrbücher durch das E-Book verdrängt … "

    Mittwoch, 13. Oktober 2010

    Larry Johnson, CEO des New Media Consortiums, das alljährlich den Horizon Report herausgibt (Ergebnisse von Expertenbefragungen zur erwarteten Verbreitung aufkommender Lerntechnologien), berichtet in einem Vorab-Interview zum Horizon Report 2011,

    Zum Interview mit Larry Johnson

    dass E-Books und Augmented Reality innerhalb der nächsten drei Jahre voraussichtlich große Bedeutung im Kontext des mediengestützten Lernens erlangen werden:

  • Interview mit Larry Johnson
  • Homepage des New Media Consortiums
  • Bisherige Horizon Reports
  • Der "Happy Planet Index" – Empirischer Maßstab für einen zukunftsfähigen Bildungsdiskurs ?

    Samstag, 2. Oktober 2010

    Zur interaktiven Karte mit länderspezifischen HPI-WertenWeltweiter Vergleich der Lebenszufriedenheit im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck (HPI) pro Land. Grün steht für positive Werte, Gelb für mittlere Werte, Rot für schlechte Werte.

    Der Bildungsbegriff bildet in der deutschsprachigen Tradition der Didaktik Maßstab und Perspektive für alle Arten didaktischer Entscheidungen, zumindest dort, wo Unterricht von professionell ausgebildeten Lehrkräften organisiert wird, wie z.B. bei den über 700.000 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern an den staatlichen Schulen in Deutschland. Spätestens seit dem Übergang in die Wissensgesellschaft erhält der Bildungsbegriff einen noch weiteren Wirkungsbereich. Bildung ist nun nicht mehr ausschließlich zentrales Thema von Schule, Hochschule und Kindergarten, sondern Bildung begleitet uns heute ein Leben lang als zentraler Faktor in allen gesellschaftlichen Bereichen. Mit Bildung bezeichnen wir Subjektentwicklung und verändernd produktive Teilnahme an Kultur und Subkultur, Gewinnung von Individualität und Gemeinschaftlichkeit, Befähigung zu Selbstbestimmung und Solidaritätsfähigkeit (Gudjons 2008, S.200). Bildungstheorie hat ihren Bezugspunkt in aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen und zielt auf Zukunft (Peukert 2000, S. 507-524). “Bildung kann sich nicht der schwierigen Aufgabe entziehen, in der Gegenwart die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft leisten zu müssen. Ihre Institutionen werden lernen müssen, auf sich verändernde Rahmenbedingungen und auf neue, häufig noch ungewisse Herausforderungen flexibel und rechtzeitig zu reagieren” (Bildungskommission NRW 1995, S. 24)

    Die zentrale gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die sich uns heute stellt, ist ein immer gravierender zu Tage tretender Widerspruch zwischen dem weit verbreiteten Glauben an die Abhängigkeit unserer Lebensqualität von wirtschaftlichem Wachstum und den tatsächlichen Auswirkungen ungezügelter ökonomischer Expansion. Der Glaube an den weltweit tief verwurzelten Wachstumsmythos gerät heute ins Wanken. Eine Orientierung am wirtschaftlichen Wachstum, als scheinbarem Indikator für Lebensqualität, bringt uns, unsere Wirtschaft und unsere Umwelt zunehmend in existenziell bedrohliche Situationen. Tägliche Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen hören sich heute genau so an, wie die fiktiven, viel belächelten Bedrohungsszenarien der 70er Jahre. Nur heute ist dies alles nicht mehr fiktiv: Eine Lebensmittelindustrie, die der Gewinnmaximierung einen höheren Stellenwert zuschreibt als unserer Gesundheit, macht Fettleibigkeit zu einem gesundheitsgefährdenden, gesamtgesellschaftlichen Massenphänomen. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit produzieren die großen Energiekonzerne radioaktive Abfälle, die für Millionen von Jahre ganze Regionen unseres Planeten bedrohen. Die Wachstumsfixierung der Banken führt uns von einer Wirtschaftskrise in die nächste und stabilisiert die Armut, vor allem in der dritten Welt. Der ungebremste weltweite CO2-Ausstoß führt zu immer zerstörerischeren Wetterlagen, die regelmäßig ganze Landstriche inklusive der für das Überleben notwendigen Infrastruktur vernichten. Das wirtschaftliche Wachstum als leitender Maßstab unserer gesellschaftlichen Entwicklung vermittelt heute nicht den Eindruck als könnte es uns eine lebenswerte Zukunft sichern. Auch wenn der Mythos vom Wachstum als Garant des Fortschritts noch in vielen Politiker- und Manager-Köpfen herumgeistert: jede weitere Umweltkatastrophe, jeder weitere Banken-Crash, jeder weitere Gammelfleischskandal sorgen dafür, dass sich auch die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik früher oder später der Realität werden stellen müssen.

    grafik-9Wachstumsverlauf des Bruttoinlandsproduktes (GDP) von OECD-Nationen im Vergelich zum Happy Planet Index (HPI): Die Grafik macht deutlich, dass unsere Lebenszufriedenheit offensichtlich nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt korreliert.

    Wenn wir in dieser Situation auf Zukunft gerichtete Bildungsprozesse organisieren, dann bedarf es m.E. eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses, der diesen Widerspruch analysiert, sich einer überfälligen Wertediskussion stellt und damit Perspektiven für die Zukunft schafft. Bildungsprozesse sind immer auf Zukunft gerichtet. Doch wo nehmen wir die Maßstäbe und Visionen her, die uns in eine lebenswerte Zukunft führen könnten? Hier macht die in London ansässige “new economics foundation” (nef) einen spannenden Vorschlag: anstatt sich am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Indikator für den Wohlstand eines Landes zu orientieren schlägt nef den “Happy Planet Index” (HPI) als Maßstab vor. Der HPI berechnet sich aus weltweit erhobenen Daten zur durchschnittlichen Lebenserwartung, zur Lebenszufriedenheit und zum Ökologischen Fußabdruck und bezieht damit im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt auch das Kriterium der Nachhaltigkeit in die Berechnung eines Wohlstands-Indikators ein. Im internationalen Wettbewerb geht es dann nicht mehr um eine grenzenlose Gewinnmaximierung sondern um die Herbeiführung von Wohlstand durch eine ausgewogene Balance von Ökologie und Ökonomie.

    grafik-8Zufriedene Lebensjahre im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck pro Kopf

    Ein am “Happy Planet Index” orientierer Bildungsdiskurs hätte Werte zu formulieren und zu diskutieren, die uns ein menschwürdiges Leben auf einem durch ökologische Vielfalt geprägten Planeten sichern. Bildung ohne Visionen führt zur Stagnation. Brauchen wir und die nachfolgenden Generationen nicht reale Perspektiven für eine persönliche und gesellschaftliche Entwicklung?

    Didaktik braucht m.E. solche Bildungsdiskurse, um authentische Lehr-Lernsituationen zu gewährleisten, in denen die Lehrenden als identifizierbare Persönlichkeiten, Moderatoren und Fachexperten auftreten und nicht als unberührbare, schemenhafte Masken. Dies gilt natürlich auch für die Mediendidaktik und das E-Learning. Wobei sich das E-Learning aus meiner Sicht längst überflüssig gemacht hat, weil es in den interdisziplinär geführten Diskursen zum Lernen oft nur an der Oberfläche bleibt und vielfach nur um sich selbst dreht, anstatt sich nützlich zu machen, mit differenzierten und in die Tiefe gehenden Anpassungen an spezifische, fachlich orientierte Bildungspraxis.

    Zum VideoNic Marks, von der New Economics Foundation (nef), erläutert den “Happy Planet Index” (HPI)

    Im folgenden habe ich Studien, Artikel und Homepages zum “Happy Planet Index” verlinkt, die Grundlage bilden könnten für eine tiefer gehende Diskussion. “Happy Planet Index 2.0″ ist eine weltweite Studie, die ein Ranking von 143 Ländern auf Grundlage des HPI ermittelt hat. Die zweite Studie bezieht sich speziell auf Europa. Im Artikel “The social context of well-being” werden die empirischen Grundlagen für Ermittlung und Quantifizierung von “Lebenszufriedenheit” erläutert. Alle weltweit bisher ermittelten Daten sind zugänglich in der World Database of Happiness, die an der Erasmus Universität Rotterdam gepflegt wird. Schließlich habe ich die Homepage der “new economics foundation” verlinkt, die in Kooperation mit öffentlichen Institutionen und NGO´s die weltweite Forschung auf diesem Gebiet vorantreibt.

  • Studie: Happy Planet Index 2.0 (PDF)
  • Studie: The European Happy Planet Index (PDF)
  • Artikel: The social context of well-being (PDF)
  • World Database of Happiness, Erasmus University Rotterdam
  • Homepage: nef – neweconomics.org
  • Homepage: The Happy Planet Index 2.0
  • Video: Happy Planet Index

  • Literatur:

    • Abdallah, S., Thompson, S., Michaelson, J., Marks, N., & Steuer, N. (2009). The Happy Planet Index 2.0. London: new economics foundation.
    • Bildungskommission NRW. (1995). Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand.
    • Gudjons, H. (2008). Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
    • Peukert, H. (2000). Reflexionen über die Zukunft von Bildung. In: Zeitschrift für Pädagogik Heft 4/2000

    Update: Volltextarchiv Mediendidaktik

    Mittwoch, 14. April 2010

  • Allgemeine Didaktik [G]
  • Bildung [G]
  • Computer [G]
  • Dewey [G]
  • E-Learning [G]
  • E-Portfolio [G]
  • Erfahrung [G]
  • Erkenntnis [G]
  • Fachdidaktik [G]
  • Forschungsdesign [G]
  • Gehirnforschung [G]
  • Hochschuldidaktik [G]
  • Hochschule [G]
  • Kompetenz [G]
  • Konstruktivismus [G]
  • Lehr-Lernforschung [G]
  • Lernen [G]
  • Mediendidaktik [G]
  • Medienkompetenz [G]
  • Medientheorie [G]
  • Netzwerktheorie [G]
  • Open Educational Ressources [G]
  • Personal Learning Environments [G]
  • Philosophie [G]
  • Physikdidaktik [G]
  • Produktorientiertes Lernen [G]
  • Psychologie [G]
  • Reformpädagogik [G]
  • Selbstlernen [G]
  • Selbstorganisation [G]
  • Soziale Vernetzung [G]
  • Urheberrecht [G]
  • Webgestützte Werkzeuge [G]
  • Wissen [G]
  • Wissenschaftliches Arbeiten [G]
  • Wissensmanagement [G]

  • Studien im Bereich E-Learning und Bildung [G]
  • Nach einem Update des Volltextarchivs, das aktuell 315 Artikel und Bücher umfasst, habe ich für Interessierte alle öffentlich verfügbaren Volltexte (PDF´s) herausgefiltert. Durch Klicken auf eines der oben aufgelisteten Schlagwörter öffnet sich eine Liste mit den zu diesem Schlagwort verfügbaren Artikeln. Ein Klick auf den schwarzen Pfeil am rechten Rand dieser Liste (Spalte: Verweise) öffnet den jeweiligen Volltext als PDF.

    Hinter jedem Schlagwort befindet sich der Link [G], ein Klick hierauf öffnet eine Liste mit dem Gesamtbestand an Volltexten zu diesem Schlagwort, die jedoch nicht alle öffentlich verfügbar sind.

    Eigene Suchen im Gesamtbestand können nach beliebigen Kriterien aufgerufen werden und können auch als RSS-Feed abonniert werden.

    Suchmaske im Volltextarchiv Mediendidaktik: Suchmaske

    Für Hinweise auf öffentlich zugängliche Artikel zu diesen Schlagwörtern bin ich immer dankbar und nehme sie gerne in das Archiv auf.

    Unbelastet forschen …

    Samstag, 13. Februar 2010




    Bitte Lautsprecher anschalten und jedes einzelne Bläschen platt drücken! Quelle: MarieMarie [via Christian Spannagel, natürlich ..;-)]

    Interaktive Praktikumsexperimente: Jetzt Online!

    Freitag, 29. Januar 2010

    ipe-app

    Unser Projekt “Interaktive Praktikumsexperimente für eine familienfreundliche Hochschule” nimmt langsam Formen an. Im Rahmen dieses Projektes haben wir zahlreiche Praktikumsexperimente aus Naturwissenschaftlichen Fächern virtuell und fotorealistisch nachgebildet (aktuell auf der Basis von Flash und Actionscript, in Zukunft auch als Iphone-App). Das Prinzip: Studierende können jedes Experiment, wann immer sie wollen – am Bildschirm oder sogar per “touch” am Iphone – durchführen, Einstellungen vornehmen, Werte ablesen und das Experiment auswerten. Ideal als Vor- oder Nachbereitung der Praktika und als Training und Vorbereitung auf die Prüfung. Diese Experimente sind natürlich kein Ersatz für die Erfahrung am realen Experiment im Labor. Aber sie werden von den Studierenden als eine große Erleichterung wahrgenommen, weil die Praktikumsplätze häufig extrem überbucht sind und sie ein einzelnes Experiment in der Regel nur ein einziges mal während ihres gesamten Studiums real durchführen können. Die ersten Erhebungen unter Studierenden zeigen, dass dieses von Jürgen Kirstein in der AG Nordmeier entwickelte Konzept auf breite Zustimmung stößt. Ein nächster Schritt wird sein, alle Experimente auch als Iphone-Apps verfügbar zu machen. Unser erster im Iphone-Simulator getester Prototyp läuft unproblematisch. Sobald unsere Uni-Entwickler-Lizenzen für das Iphone eingetrudelt sind, stellen wir die oben gezeigte App über den Itunes-Store kostenlos zur Verfügung.

    skizze

    Auf der Projekt-Homepage finden sich weitere Infos zum Projekt-Kontext, zu unseren Produktionsverfahren, die auch von anderen Unis genutzt werden können, unseren aktuellen Kooperationspartnern aus Biologie, Chemie, Physik und Veterinärmedizin und einigen sofort online nutzbaren Beispielen. Für Nicht-Naturwissenschaftler stellen wir in Kürze auch noch Gebrauchsanleitungen ein, damit auch die einen Eindruck davon bekommen können, was wir hier eigentlich machen.

  • Projekt-Homepage
  • Dampfdruck-Experiment
    (Audio einschalten, um Druckpumpe und Kühlaggregat nach dem Einschalten zu hören)
  • Weitere Experimente

  • IT-gestützte Vermittlungskompetenz

    Donnerstag, 10. Dezember 2009

    Ich führe hier an der FU-Berlin in diesem Semester das zweite mal die Lehrveranstaltung “IT-gestützte Vermittlungskompetenz” durch.

    Learners´ Garden - Online Community

    Rahmenbedingungen:
    Modul zur Informations- und Medienkompetenz für die Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV), Blockveranstaltung im Blended Learning-Format, 5 Leistungspunkte, Zielgruppe. Studierende in den Naturwissenschaften, Teilnehmerzahl: 15

    Werkzeuge:
    Die Studierenden nutzen standardmäßig als persönliche Lernumgebung einen Blog, ein Social-Bookmarking-System, Skype und einen Feed-Reader. Die gemeinsam erarbeiteten Inhalte werden in unserem Lehrveranstaltungs-Wiki (http://wiki.mediendidaktik.org) zusammengeführt, das nur für die Teilnehmer sichtbar ist. Folgende Blogs werden von den Teilnehmern des laufenden Semesters geführt:

    http://shackelbusch.wordpress.com/
    http://mkozakowski.wordpress.com/
    http://jriemke.wordpress.com/
    http://reiske.wordpress.com/
    http://jleutzow.wordpress.com/
    http://dpussak.wordpress.com/
    http://julekrueger.wordpress.com/
    http://akamalakumar.wordpress.com/
    http://hhamouda.wordpress.com/
    http://itmazdak.wordpress.com/
    http://jklan.wordpress.com/
    http://aylos84.wordpress.com/
    http://aylos84.wordpress.com/
    http://mschemie.wordpress.com/
    http://mscchemie.wordpress.com/

    Die in der Veranstaltung zusammengestellten Tools werden von den Studierenden unter den Gesichtspunkten Usability und Nützlichkeit für den spezifischen Einsatz-Kontext untersucht und erprobt und mit Hilfe einer Lime-Survey-Umfrage bewertet: http://forschung.mediendidaktik.org/index.php

    Learners´Garden:
    Solche Tools, die sich nach Erprobung und Bewertung als nützlich erweisen, werden auf der öffentlich zugänglichen Learners´Garden-Plattform zugänglich gemacht und nutzerfreundlich dokumentiert (Steckbrief, Links, Erfahrungsberichte): http://www.learnersgarden.de. Einmal eingetragene Tools können auf Learners´Garden von der Community bewertet und kommentiert werden.

    Eine ausführliche Beschreibung unseres Veranstaltungskonzeptes findet sich im Tagungsband der letzten GMW-Jahrestagung oder hier: http://www.slideshare.net/wneuhaus/learners-garden

    Im Rahmen des Didaktik-Moduls der Lehramtsausbildung für Physik-Lehrer führe ich jedes zweite Semester eine Lehrveranstaltung zum Thema Lehr- und Lernmethoden durch, in der ich nach vergleichbarem Muster ein Veranstaltungs-Wiki einsetze.

    Schwierigkeiten/Widerstände:
    Die zentralen Angebote unserer Universität bezüglich Web 2.0 sind zu unflexibel und unausgereift. Wir haben gute Erfahrungen mit öffentlich und in der Regel kostenlos zugänglichen Lösungen im Bereich Web 2.0.

    Öffentliche Wissenschaft

    Mittwoch, 7. Oktober 2009

    Mein letzter Beitrag zur Auswertung der diesjährigen GMW-Tagung hat für eine nicht ganz unerhebliche Öffentlichkeit gesorgt. Die Diskussion in der Blogger-Community einiger Aspekte meiner Auswertung hat mir hilfreiche Hinweise geliefert zur Formulierung des Forschungsstandes meines Dissertationsvorhabens (Produktorientiertes Lernen mit webgestützten Werkzeugen).

    Foto: Mike Scoltock

    Insbesondere die Hinweise von Gabi Reinmann und Rolf Schulmeister haben mir die Notwendigkeit deutlich gemacht, meine Begriffe bei der Formulierung von Thesen und Sachverhalten zu schärfen und vor allem möglichst nicht verkürzt darzustellen. Zugegebenermaßen kann eine Überschrift mit dem Titel “Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung” leicht den Eindruck erwecken, als wollte ich dem Behaviorismus wieder zu neuem Glanz verhelfen. Dem ist natürlich keinesfalls so, wie Abonnenten meines Blogs vermutlich wissen. Natürlich werde ich in meiner Arbeit dem Begriff des Lernens ein eigenes Kapitel widmen. Eckpunkte werden hier sein: der reformpädagogische Ansatz John Deweys, die erkenntnistheoretischen Positionen von Watzlawick und Ernst von Glasersfeld (Konstruktivismus), entwicklungspsychologische Konzepte von Vygotskij und Piaget, kognitionspsychologische Ansätze von Bandura bis Gerhard Roth und neurobiologische Konzepte von Maturana, Varela und Kandel aber eben auch der Behaviorismus Skinners.

    Was aber in meinem Dissertationsvorhaben auch deutlich zu machen sein wird, ist, dass Lehrende in der Praxis vor der Situation stehen, verbindlich und verantwortungsvoll zu agieren. Studierende erwarten berechtigterweise nicht nur von ihren KommilitonInnen, sondern gerade auch von den Lehrenden Feedback bezüglich ihrer Lernfortschritte. Und dieses Feedback können wir nur auf Grundlage beobachteten Verhaltens oder daraus resultierender Produkte geben. Das bedeutet es genügt nicht, Lernen in der Theorie zu verstehen, wir müssen auch verstehen, was Lernen ganz praktisch bedeutet. Und deshalb ist es für jeden Lernenden aber in besonderem Maße auch für jeden Lehrenden erfoderlich das komplexe wissenschaftliche Wissen bezüglich der unterschiedlichen Lerntheorien herunterzubrechen auf das konkrete Handeln im Unterricht. Die Vorstellungen vom Lernen, die Lehrende im Hinterkopf haben, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Interpretation ihrer jeweiligen Praxis. Hierzu hat David Kember 1997 recht spannende Untersuchungen vorgelegt: “A Reconceptualisation of the Research into University Academics´Conceptions of Teaching“. Und da sind wir dann wieder bei der offensichtlich so ungeliebten Didaktik, als wesentlichem Ort einer Theorie-Praxisreflexion. Wichtige Eckpunkte der Didaktik wären für mich Klafkis Bildungstheoretische Konzepte, das Berliner Modell von Heimann/Otto/Schulz, die Konstruktivistische Didaktik von Kersten Reich, die ja stark an reformpädagogischen Konzepten John Deweys orientiert ist, der Community of Practice – Ansatz von Etienne Wenger und die aktuellen Impulse aus den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft.

    Die Perspektive der Lernenden
    Ziel und Ausgangspunkt meines Vorhabens ist es letztendlich, die Perspektive der Lernenden in den Mittelpunkt einer zukünftigen Mediendidaktik zu stellen und damit einen Diskurs anzuregen, der Wege aufzeigen kann, die Mediendidaktik wieder pädagogisch zu fundieren. Auf der Strecke bleibt bei dieser Diskussion vermutlich der E-Learning-Begriff (wie es sich ja bereits in den aktuellen Diskussionen rund um die GMW-2009 andeutet), da dieser in seinen vielfältigen Ausprägungen eher für eine technologische Verengung des Lernens steht.

    Weiterhin zu klären bleiben noch der Kompetenzbegriff, worauf mich auch Gabi Reinmann hingewiesen hat und der Begriff der Medienkompetenz, der ja in seiner klassischen Form die Bedeutung der Werkzeugcharaktere des Computers nicht berücksichtigt.

    So betreibe ich hier ein öffentliches Nachdenken über meine wissenschaftliche Arbeit, womit ich wie man gesehen hat, mich auch angreifbar mache. Meine bisherige Erfahrung mit dieser Art des Forschens ist dennoch durchweg positiv, da ich bereits im Entstehungsprozess der Arbeit wirklich reichhaltige und spezifische Kontakte, Hinweise, Links und Dokumente erhalte, auf die ich bei der Ausarbeitung im stillen Kämmerlein möglicherweise nicht gestoßen wäre. Natürlich stelle ich meine Funde und Entdeckungen im Zuge dieser Recherche auch öffentlich zur Verfügung, soweit dies rechtlich möglich ist. Auf meine Volltext-Sammlung zur Mediendidaktik lässt sich hier jederzeit zugreifen: Volltextsammlung Mediendidaktik.

    Insofern bedanke ich mich hiermit schon mal bei meinen Kritikern aber vor allem auch bei denen, die mir bisher so viel positives Feedback gegeben haben. Ich bin gespannt auf den weiteren Diskurs.

    Eine Renaissance der Hochschuldidaktik ? GMW 2009

    Sonntag, 27. September 2009

    Nachdem sich die ersten Wogen der GMW – Jahrestagung 2009 etwas geglättet haben und die hervorragende Tagungsorganisation durch Nicolas Apostolopoulos und sein Team für eine vielfältige Diskussion der Ergebnisse im Internet gesorgt hat, sollen hier – vor dem Hintergrund der verschiedenen online verfügbaren Tagungsrückblicke – Perspektiven herausgearbeitet werden, die aus meiner Sicht das mediengestützte Lernen an unseren Universitäten in Zukunft prägen könnten.


    1. E-Learning am Scheideweg?

    Viele Aspekte wurden bereits in den einschlägigen Blogs unseres Arbeitsfelds diskutiert (eine ausführliche Link-Liste findet sich am Ende des Beitrags). Twitter ist plötzlich in aller Munde, nützlich im Alltag, bei BarCamps und zur Organisation von Flashmobs und Tagungen. Für das mediengestützte Lernen hat Twitter aus meiner Sicht nur begrenzte Bedeutung. Die spannendste Diskussion zur GMW-Tagung wurde für mich durch Gudrun Bachmann und KollegInnen entfacht, die sich mit ihrem Tagungsbeitrag für die Abschaffung des E-Learning-Begriffs einsetzten. Die ReferentInnen berichteten von den guten Erfahrungen mit der Implementation von “E-Learning-freien” Lernarrangements an den Instituten der Universität Basel, in denen statt dessen die “Neuen Medien” ganz pragmatisch und kontextspezifisch eingesetzt wurden. Diese Erfahrungen kann ich aus meiner Zeit als E-Learning Berater an der Freien Universität Berlin voll und ganz bestätigen. Da wo wir uns nützlich machten, indem wir für ein spezifisches Anliegen das passende Medienangebot bereitstellten, wurde dieses von Lehrenden dankbar aufgenommen. Nur da, wo das bolidenhafte Learning Management System (bei uns: Blackboard) als Allheilmittel für alle didaktischen Anliegen “promoted” wurde, stießen wir – berechtigterweise – auf zähen Widerstand der Lehrenden, die das LMS bestenfalls als – bereits viel zitierte – “PDF-Schleuder” nutzten. Gabi Reinmann fragt sich in ihrem Blog – bezugnehmend auf die von den Baseler KollegInnen vorgetragene Position, ob das E-Learning an einem Scheidepunkt angekommen sei. Sie plädiert dennoch ausdrücklich dafür, am E-Learning-Begriff festzuhalten, weil sie den Begriff des Lernens – hinsichtlich seiner Interpretation durch Lehrende – für genauso unspräzise hält wie den Begriff des E-Learnings. Mir geht es an diesem Punkt ganz eindeutig anders.


    2. Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung

    Bereits seit der Einführung des E-Learning-Begriffs Ende der Neunziger Jahre ist er mir suspekt. Der Begriff der E-Mail dagegen war mir z.B. schon immer plausibel, weil mit dem “E” das elektronische Pendant des herkömmlichen Briefs bezeichnet wird. Nur was wäre ein elektronisches Pendant zum Lernen? Der Prozess, der in einem mit dem Computer verdrahteten Gehirn abläuft? Das wäre sicher eine gute SciFi-Karikatur, aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Für das menschliche Lernen gibt es keine digitale Alternative. Lernen ist unter psychologischer Perspektive – quer zu den unterschiedlichen Lerntheorien – ein wohl definierter und in der Fachwelt respektierter Begriff. Egal ob er aus behavioristischer, kognitivistischer oder erkenntnistheoretischer Perspektive interpretiert wird. Mit Lernen bezeichnen wir immer eine Verhaltensänderung des Menschen. Und genau diese, durch Beobachtung überprüfbare Verhaltensänderung, macht den Begriff des Lernens so wertvoll. Denn im Gegensatz zum eher prekären Begriff des Wissens, der ja immer etwas virtuelles bezeichnet, sind Verhaltensänderungen von den Lernenden selbst, wie auch von den Lehrenden, beobachtbar. Erst diese Möglichkeit, solche Prozesse beobachten zu können, eröffnet uns die Möglichkeit, Kompetenzen zu beschreiben und in der Unterrichtssituation mit diesen Kompetenzen umzugehen. Aus diesem Grunde ist und bleibt für mich der Begriff des Lernens der zentrale Begriff, wenn es darum geht, Vermittlungsprozesse in Schule und Hochschule anzuregen, zu organisieren und zu erforschen.

    Ein weiterer recht breiter Konsens, der in der psychologischen Forschung bezüglich des Lernens anzutreffen ist, ist der, dass es prinzipiell nicht möglich ist, (Erfahrungs-) Wissen von einem Gehirn in ein anderes zu transferieren, wie man das z.B. von einem Upload am Computer kennt. Vielmehr ist immer ein Medium erforderlich, mit dem die das Wissen konstituierenden Informationen dargestellt werden können, um dann vom Gegenüber verarbeitet, behandelt, verstanden, akkommodiert, oder in ein mentales Modell übernommen werden zu können. Das bedeutet: Lernen ohne Medien ist prinzipiell nicht möglich.


    3. E-Learning unterfordert Lernende

    Damit wird klar: der Ruf nach Abschaffung des E-Learnings kann kein Ruf nach Abschaffung der Medien sein. Im Gegenteil: Es ist ein Ruf nach Befreiung aus dem engen Korsett technologisch interpretierter Bildungsmaßnahmen. E-Learning unterfordert die Lernenden, weil mit strukturgebenden digitalen Lernumgebungen herkömmlicher Art (Learning Management Systeme, Web Based Trainings, Testumgebungen, 3D-Welten) nur ein geringer Bruchteil menschlicher Handlungs- und Interaktionsmöglichkeiten angesprochen wird. Die Komplexität des menschlichen Gehirns erfordert offene, flexible und anregende Lernumgebungen. Gemeint sind damit Räume, Menschen, Objekte, Orte im realen wie im virtuellen Raum, die sich nicht auf das Geschehen an einem Computer-Monitor einengen lassen. Lernende und Lehrende sollten in Zukunft von Fall zu Fall entscheiden können, welche Medien für einen bestimmten Erarbeitungs- oder Kommunikationsprozess am besten geeignet sind. Es spricht nichts prinzipiell gegen Tafel und Kreide aber auch nichts gegen das Mobil-Telefon oder den Computer. Wir brauchen die Medien! Und: jede Zeit nutzt die Medien, die ihr zur Verfügung stehen. In unserer Zeit sind dies eben a u c h ! der Computer und die vielen Web 2.0 – Werkzeuge. Dabei sollten wir die Bedeutung dieser Werkzeuge für das Lernen in Schule und Hochschule nicht überbewerten und mystifizieren, wie das gerne von den Vertretern einer angeblichen Generation “Digital Natives” getan wird. Rolf Schulmeister belegte empirisch in seinem Beitrag zur GMW-Tagung, dass die heutigen Studierenden eher pragmatisch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Online-Tools umgehen (Schulmeister, 2009, S. 129-140).


    4. Verortung einer Neuen Mediendidaktik

    Natürlich ist der Streit um Begriffe nur ein Nebenkriegsschauplatz. Im Grunde geht es eben nicht nur um die Abschaffung des E-Learning-Begriffs sondern vielmehr um eine notwendige Fokussierung auf das Lernen an sich. Es geht darum, den durch das E-Learning ins Stocken geratenen Entwicklungsfluss medienpädagogischer Innovationen wieder in Gang zu setzen. Die immer wieder vollmundig versprochenen Revolutionen des Lernens durch den Computer haben bis heute nicht stattgefunden. Nicht etwa, weil die Lehrer an den Schulen und Hochschulen nicht fortschrittlich genug wären, sondern vielmehr weil viele von ihnen berechtigte Zweifel daran haben, der Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Lernenden gerecht werden zu können, wenn sie die nach wie vor zu umständlichen E-Learning-Lösungen (siehe z.B. LMS wie Blackboard oder Moodle) einsetzen.

    Mediengestütztes Lernen braucht eine professionelle pädagogische Einbettung, die sicherstellt, dass die Perspektive der Lernenden im Zentrum aller planerischen Aktivitäten im Bildungskontext stehen. Die interdisziplinär zusammengesetzte E-Learning-Gemeinde und zum Teil auch die Mediendidaktik hat diese klare Orientierung weitgehend aus den Augen verloren. Deshalb schließe ich mich der Auffassung Michael Klebels an, der in einem Artikel zur “Entgrenzung durch Medien” die Notwendigkeit beschreibt, die Mediendidaktik als wissenschaftliche Disziplin (in Abgrenzung zum “Instructional Design”) zukünftig in der Allgemeinen Didaktik zu verorten (Klebl, 2006, S.15). Es ließe sich hier gut anknüpfen an Überlegungen, die Michael Kerres und Claudia de Witt bereits im Jahr 2002 veröffentlicht haben. Mit dem Artikel “Mediendidaktik quo vadis?” wiesen sie insbesondere auf die reformpädagogischen Ansätze John Deweys hin (Kerres&DeWitt, 2002, S. 1-22), die aus meiner sicht für die Allgemeine Didaktik nach wie vor von großer Bedeutung sind. Ein konstruktiver Diskurs zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu diesen Fragen ist überfällig. Möglicherweise könnte auch die Debatte in den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft hilfreiche Impulse geben (Welbers, 2003).


    5. Klotz am Bein: die klassische E-Learning-Industrie

    Hierbei erweist sich allerdings die klassische E-Learning-Industrie als deutlicher Klotz am Bein, wie man im Ausstellungsbereich der GMW-Tagung feststellen konnte. In Bezug auf die komplexen Zusammenhänge menschlichen Lernens stößt man hier häufig auf eklatante Wissenslücken, die sich leider auch in den von ihnen angepriesenen E-Learning-Produkten widerspiegeln. Mit den drastisch sinkenden Besucherzahlen auf den Branchen-Treffs (z.B. Learntec) stehen diese Unternehmen deutlich unter Druck, da sie nicht flexibel genug auf die durch den Web 2.0 Hype angestoßenen Impulse für ein soziales, demokratisches Lernen reagieren können. Ihre bolidenhaften Systeme sind meist zu komplex, zu hierarchisch strukturiert und zu schwerfällig, um in der alltäglichen pädagogischen Praxis eine zentrale Bedeutung einnehmen zu können. Andrea Back beschreibt diese Situation in ihrem Blog als eine durch das Web 2.0 hervorgerufene “disruptive Innovation” (Back, 2009).


    6. Projektarbeit und inneruniversitäre Partnerschaften

    Unabhängig vom dringend zu führenden Diskurs über die pädagogische Verankerung des mediengestützten Lernens gibt es bereits an einigen Hochschulen Intiativen, die in eine neue Richtung weisen. Das Augsburger Begleitstudium zum Beispiel, das auf der GMW-Tagung vorgestellt wurde, ist ein wunderbares Exempel dafür, wie anspruchsvolle Projektarbeit an unseren Hochschulen initiiert und begleitet und damit die Kompetenzentwicklung der Studierenden vorangebracht werden kann. Hier steht ganz offensichtlich die Perspektive der Lernenden im Mittelpunkt. Medien werden zweckgebunden und spezifisch dort eingesetzt, wo sie eine klare didaktische Funktion erfüllen. Der E-Learning-Begriff wäre hier im Grunde überflüssig. Die Projektmethode im Sinne des reformpädagischen Ansatzes John Deweys, der Communities of Practice Ansatz von Etienne Wenger kombiniert mit innovativen Konzepten des Medieneinsatzes würden hier genügen, um dieses Vorhaben erschöpfend zu beschreiben. Für mich war die Präsentation dieses Projektes der Höhepunkt der diesjährigen GMW-Tagung und ein möglicher Ausblick auf eine innovative Zukunft der Hochschullehre. So sah das offensichtlich auch die Mehrheit des GMW-Publikums, das dem Projekt den Publikumspreis des Medida-Prix verlieh. Die Jury des Medida-Prix sah das jedoch anders. Gewinner des eigentlichen Medida-Prix 2009 waren zwei eher klassische E-Learning-Projekte, denen der Preis natürlich zu gönnen ist. Aber die Chance mit dem Preis auch innovationsfördernd und richtungsweisend zu wirken, wurde leider verpasst.


    7. Ein Riss durch die Community

    Michael Kerres stellte sich in seinem Blog unmittelbar nach der Tagung die Frage, ob unter den Teilnehmern ein Bruch sichtbar wird, etwa zwischen der jüngeren und der älteren Generation unseres Arbeitsfeldes. Auch für mich ist ein gewisser Riss wahrnembar, aber aus meiner Sicht zieht er sich eher entlang der Frage, ob Lehren und Lernen aus der technologischen Perspektive betrachtet wird oder aus der pädagogischen. Und hier wurde für mich tatsächlich ein Trend erkennbar: Technologische Fragestellungen sind gegenüber pädagogischen deutlich in den Hintergrund gerückt und aus meiner Sicht geht tatsächlich auch die jüngere Generation entspannter mit dem Begriff Pädagogik um als die Ältere.

    Spätestens während der hochkarätig besetzten, abschließenden Podiumsdiskussion der Tagung wurde der Riss spürbar. Eine Diskussion mit dem Publikum gab es leider nicht und auch die aktive Twitter-Community konnte dieses Manko nicht wirklich Wett machen.

    Eine treffende Dokumentation der aufgeworfenen Fragen hat Gabi Reinmann in ihrem Blog veröffentlicht. Das einzige Schlagwort der Diskussion, das mir in Erinnerung bleibt ist das “Semantische Web”, dem offensichtlich eine große Zukunft im Kontext des E-Learnings vorausgesagt wird. Warum, ist mir wirklich schleierhaft, denn das Semantische Web liefert doch im besten Fall eine bessere Suchfunktion und eine optimierte Kommunikation zwischen Maschinen. Alles Faktoren, die mit den konkreten Verhaltensänderungen und den Kompetenzen der Lernenden recht wenig zu tun haben. Da kommt einem die grandiose Frage von Joachim Hasebrook in den Sinn: “Brauchen Computer zum Lernen eigentlich noch Menschen?” (Hasebrook, 2009)


    8. Ausblick

    Hoffnungsvoll gestimmt hat mich – nicht zuletzt – die Reaktion auf unseren eher pragmatischen Vorschlag zur Bereitstellung von Open Educational Ressources im Community-Verbund von Hochschulen und Individuen im Rahmen des Learners´ Garden Projektes. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten und Bildungsinstitutionen im deutschsprachigen Raum konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Eines von vielen Indizien, dass wir hier tatsächlich gerade einen Wandel erleben. Kompetetenzorientiertes Begleitstudium in Augsburg, mediengestütztes Lernen in Basel, Lernen durch Lehren in Ludwigsburg, produktorientiertes Lernen im Learners´Garden, allerorten EduCamps: Ilmenau, Berlin, Hamburg, Graz … Stehen wir vor einer Renaissance der Hochschuldidaktik? Die Zukunft wird es zeigen.

    Spannende Zeiten …


    Literatur

  • Back, A. (2009). Disruptiv Innovieren in E-Learning und Kommunikation. Retrieved September 26, 2009, from: http://www.business20.ch/2009/01/20/disruptiv-innovieren-in-e-learning-und-kommunikation/
  • Hasebrook, J. (2009). Zukunft des E-Learning: Brauchen Computer zum Lernen noch Menschen? Retrieved September 26, 2009, from: http://www.equalification.info/_media/Hasebrook_Zukunft_E-Learning.pdf
  • Kerres, M. de W., C. (2002). Quo vadis Mediendidaktik? Zur theoretischen Fundierung von Mediendidaktik. MedienPädagogik.
  • Klebl, M. (2006). Entgrenzung durch Medien: Internationalisierungsprozesse als Rahmenbedingung der Mediendidaktik. MedienPädagogik. Retrieved September 26, 2009, from http://www.medienpaed.com/2006/klebl0607.pdf
  • Schulmeister, R. (2009). Studierende, Internet, E-Learning und Web 2.0. In N. Apostolopoulos, H. Hoffmann, V. Mansmann, & A. Schwill (Eds.), E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter (pp. 129–140). Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
  • Welbers, U. (2003). Vermittlungswissenschaften – Wissenschaftsverständnis und Curriculumsentwicklung. Düsseldorf: Grupello.
  • Blogbeiträge zur Jahrestagung der GMW 2009: Kerstin Mayrberger, Joachim Wedekind, Marcel Kirchner, Michael Kerres, Nadine Kämper, Christian Spannagel, Ilona Buchem, Carola Brunnbauer, Mandy Schiefner, Gabi Reinmann, Tagungsblog der GMW

    PDF-Version dieses Beitrags: Tagungsrückblick zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) 2009

    Tagungsband der GMW 2009: E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter

    Medien in der Wissenschaft Band 50: E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs

    GMW 2009 – Workshop: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Montag, 31. August 2009

    Kurze Info für alle, die schon zur Pre-Conference der diesjährigen GMW-Tagung kommen oder im Rahmen der DeLFI-Tagung vor Ort in Berlin sind: Wir bieten am 14.9.2009 einen Workshop für Lehrende in unseren Produktionslaboren an: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre. Alle Aspekte von der digitalen Aufnahme im digitalen Fotolabor bis zur Programmierung in Actionscript/Flash werden praxisnah vermittelt, für je zwei Teilnehmer steht ein Mac-Arbeitsplatz zur Verfügung. Betreut wird der Workshop von Jürgen Kirstein, der die IBE´s (Interaktive Bildschirmexperimente) seit über zehn Jahren entwickelt, meiner Wenigkeit und unseren IBE-Tutoren. Abschließend gibt es einen Überblick über die Produktionen, die wir aktuell für die Fachbereiche Biologie, Chemie, Veterinärmedizin und Physik produziert haben.

    Detailinformationen zum Workshop und zur Anmeldung finden sich hier: Tutorial: Interakive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Hintergrundinfos zu unserem Arbeitsansatz im Bereich Physik: http://didaktik.physik.fu-berlin.de/projekte/ibe/beispiele/index.html

    Die Teilnehmerzahl im Workshop ist begrenzt auf 12 Teilnehmer. Bei Interesse also bitte rechtzeitig anmelden!

    Anmeldung: GMW-ConfTool

    Instruktion vernebelt den Horizont der Phantasie

    Donnerstag, 16. Juli 2009

    „Wenn der Autodidakt erst mal in Verruf gebracht worden ist, wird jede nicht professionelle Tätigkeit verdächtig. … Tatsächlich ist Lernen diejenige menschliche Tätigkeit, die am wenigsten der Manipulation durch andere bedarf. Das meiste Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis unbehinderter Interaktion in sinnvoller Umgebung.

    ivan-illich-closeup

    Die meisten Menschen lernen am besten, wenn sie „dabei sind“. Trotzdem zwingt sie die Schule, ihr persönliches, kognitives Wachstum mit konzipierter Planung und Manipulation gleichzusetzen. Hat jemand erst akzeptiert, dass Schule nötig ist, so fällt er leicht anderen Institutionen anheim. Lassen junge Menschen erst einmal zu, dass ihre Phantasie durch lehrplanmäßigen Unterricht reguliert wird, so werden sie für institutionelle Planung jeglicher Art konditioniert. „Instruktion“ vernebelt den Horizont ihrer Phantasie. Sie können nicht verraten, sondern nur übers Ohr gehauen werden, weil man ihnen beigebracht hat, Hoffnung durch Erwartungen zu ersetzen.“ (Illich, Ivan, 1995, S.65)

    Weitere Zitate aus “Entschulung der Gesellschaft”. Eine Streitschrift
    von Ivan Illich München 1995,

    Die Basis eines Aufbruchs …

    Donnerstag, 2. Juli 2009

    … lässt sich im aktuellen Band zum Thema E-Learning der GMW-Reihe “Medien in der Wissenschaft” nicht wirklich entdecken“ auch wenn der Untertitel des Bandes dies in Aussicht stellt: “E-Learning: Eine Zwischenbilanz“ Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs“. Vielleicht hilft eine öffentliche Diskussion, diese Basis zu finden. Kritische Kommentare sind willkommen:

    Versuch einer Einordnung
    Sieht man einmal davon ab, dass in diesem GMW-Band ein Blick über den eigenen Tellerrand nur ansatzweise gelingt und eine schlüssige Analyse des Umstands dass die flächendeckende Einführung von E-Learning an unseren Universitäten im Mittelbau selten als Innovation wahrgenommen wird, findet sich in einigen Artikeln des Bandes sehr wohl ein aufrichtiger Rückblick, der erfreulicherweise hier und da sogar in Selbstkritik mündet. So bilanzieren z.B. Kreidl&Dittler nach der Befragung von E-Learning Verantwortlichen an 13 Universitäten:

    “Zusammenfassend lässt sich feststhalten, dass didaktische Überlegungen bei der Einführung von E-Learning aus der heutigen Wahrnehmung eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 269).

    Die Motivation zur Einführung von E-Learning an Hochschulen im deutschsprachigen Raum bestand also weniger darin, die Qualität der Lehre zu verbessern sondern vielmehr ging es offensichtlich darum, als Universität nach Außen den Eindruck von Innovation zu vermitteln:

    “Auch wenn die Sinnhaftigkeit des E-Learning-Angebotes teilweise nicht ausreichend hinterfragt wurde bzw. wird, entwickelte sich das Vorhandensein einer umfassenden elektronischen Unterstützung des Studiums zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen den Hochschulen” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 266).

    Wohltuend ist es, zu lesen, dass das Fehlen einer nachhaltigen Veränderung der Lernkulturen an den Universitäten nicht einfach der unverbesserlichen Haltung der Lehrenden zugeschrieben wird, sondern dass zumindest durch den Beitrag von Rolf Schulmeister deutlich wird, dass die technologische Unreife heutiger E-Learning Lösungen , einer anspruchsvollen Pädagogik nicht gerecht wird. Nach Schulmeister engagieren wir uns für das Medium Computer, weil es immer auch ein Versprechen auf die Zukunft enthält:

    “Daher wäre es eine der größten Fallen, in die wir tappen können, wenn wir diese Perspektive verkennen und unsere Lehre voll und ganz der aktuellen Technologie anpassen und nicht warten würden, bis die Technologie reif für unsere eigentlichen Ideen ist” (Schulmeister, 2009, S. 317).

    Um eine Basis zu finden, die Qualität der Lehre mit Hilfe von Medien und E-Learning nachhaltig zu verbessern, wäre es erforderlich, das gesamte Spektrum jener wissenschaftlichen Disziplinen zu berücksichtigen, die relevante Beiträge hervorgebracht haben, das E-Learning als interdisziplinäres Phänomen zu Konturieren. Hier spielt die Mediendidaktik genauso eine Rolle wie die Erziehungswissenschaften, die Allgemeine Didaktik und die Fachdidaktiken, wie auch Informatik, Wirtschaftsinformatik, Medienwissenschaften oder Psychologie.

    Im vorliegenden GMW-Band wird nur ein kleiner Ausschnitt der hier zu berücksichtigenden Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet. So wird z.B. das von Niklas Luhmann postulierte Technologiedefizit der Erziehung in einem Artikel von Bernd Kleinmann herangezogen, um darzulegen, „inwiefern E-Learning von dem basalen Technologiedefizit aller Erziehung betroffen ist“.

    Kleinmann unterschätzt jedoch die Breite der Theorie-Praxis-Reflexion in Didaktik und Pädagogik wenn er schreibt: „Pädagogik operiert (und kann nur operieren) auf der Basis unterstellter kausaler Wirkungsgesetzmäßigkeiten, die sie selbst – wenn auch an anderer Stelle, nämlich in der von der Praxis geschiedenen Forschung – als unangemessen, weil die Verhältnisse hoffnungslos verkürzend, zurückweist“ (Kleinmann, 2009, S. 78).

    Unsere gesamte Kultur, wie auch unsere Subkulturen sind das Ergebnis langjähriger, vielfach überlieferter, erfahrungsorientierter Erziehungsprozesse, die in allen Gesellschaften stattfinden. Es is schon immer so, dass die Erfahrenen, in einer Gesellschaft ihr Wissen weitergeben an die Unerfahrenen. Als Erziehung definiert John Dewey genau diesen Prozess (Dewey, 1916, Chapter 1). Dass sich keine Kausalzusammenhänge zwischen der Absicht eines Lehrers und dem was ein Schüler lernt herstellen lassen, ist ein Argument FÜR die Pädagogik . Denn in der Pädagogik und der Didaktik wird vor allem erforscht, erprobt und umgesetzt, wie (Lern-)Umgebungen zu gestalten sind, damit Lernende optimale Möglichkeiten erhalten jenes Wissen zu konstruieren, das sie zu erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft macht.

    Allerdings ist das „Technologiedefizit der Erziehung“ ein weiteres Argument gegen das Instruktionsdesign, dessen Vertreter ja bis heute bemüht sind, Kausalzusammenhänge zwischen Lehrhandeln und Wissenskonstruktion der Schüler zu definieren. Siehe z.B.: Merill, 2009: „First Principles of Instruction“. So zitiert Kleinmann durchaus zutreffend Niklas Luhmann, der mit Karl Eberhard Schorr vorschlägt : „die Suche nach den objektiven Kausalgesetzen in zwischenmenschlichen Beziehungen einzustellen und statt dessen zu fragen, auf Grund welcher Kausalvorstellungen die Menschen handeln“ (Luhmann&Schorr, 1982, S. 18).

    Einen weiteren Blick über den Tellerrand wagt Iwan Pasuchin, der zentrale Ansätze der Medienpädagogik mit denen der Mediendidaktik unter dem Gesichtspunkt Medienkompetenz in Beziehung setzt. Die Darstellung historischer pädagogischer Strömungen im Umfeld von Medienpädagogik und Mediendidaktik wirkt jedoch ungenau und stark verkürzt, so dass im Fazit seines Beitrags keine wirklich neuen Erkenntnisse auszumachen sind .

    Auch wenn die Praxisreflexionen im Band z.B. von Michael Kerres oder Peter Haber einige Potenziale aktueller und zukünftiger Technologien aufzeigen, lässt sich die Basis für einen Aufbruch in dieser GMW-Publikation nicht ausmachen.

    So bleibt es uns, als Akteuren in diesen weiten Landschaften des mediengestützten Lehrens und Lernens, zu identifizieren, wo wir uns mit unserem Knowhow wirklich nützlich machen können. Den Lehrenden etwas aufschwatzen, was keine eindeutigen Vorteile gegenüber dem Herkömmlichen bietet, scheint keine Sinnvolle Option zu sein. Wer hat Vorschläge?

    Zitierte Literatur:

    • Dewey, J. (1916). Democracy and Education. The Macmillan Company. Retrieved July 2, 2009, from http://www.ilt.columbia.edu/publications/dewey.html
    • Dittler, U., Krameritsch, J., Nistor, N., Schwarz, A., & Thillosen, A. (Eds.). (2009). E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
    • Kleinmann, B. (2009). Technologiedefizite technologiebasierter Lehre? Unzeitgemäße Betrachtungen zu E-Learning im Hochschulkontext. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Kreidl, C., & Dittler, U. (2009). E-Learning: Wieso eigentlich? Gründe für die Einführung von E-Learning an Hochschulen im Rückblick. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Luhmann, N., & Schorr, K. E. (1982). Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In Zwischen Technologie und Selbstreferenz. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Merill, D. M. (2009). First Principles of Instruction. Utah: Utah State University.
    • Schulmeister, R. (2009). Der Computer enthält in sich ein Versprechen auf die Zukunft. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.

    Wohin mit den Learning Management Systemen?

    Donnerstag, 18. Juni 2009

    Lehrer benötigen schlanke, effiziente Werkzeuge, um ihre Lernumgebungen auch adhoc mit produktiven oder kommunikativen Elementen anreichern zu können. Learning Management Systeme kommen da zu bolidenhaft daher, Sie sind kaum geeignet, der komplexen Vielfalt alltäglicher Lernsituationen in Schule und Hochschule gerecht zu werden.

    moodle-logo-2

    Mit diesem Erfahrungswissen im Hinterkopf – erarbeitet durch zahlreiche Modellprojekte mit Moodle-Plattformen und mehrjähriger Erfahrung mit dem Blackboard-LMS in unterschiedlichsten Lehrkontexten an der Freien Universität Berlin – wurde ich gebeten für das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin- Brandenburg (LISUM) auf einer Fachtagung zum Thema Lernmanagementsysteme, deren didaktischen Nutzen darzustellen …

    Da das Bildungsministerium in diesem Zusammenhang nicht unerhebliche Summen für die Medienentwicklungsplanung speziell für die Brandenburger Gymnasien in Aussicht gestellt hat, bemühte ich mich darum, das Thema diplomatisch anzugehen. So wies ich neben meiner grundlegenden Kritik am E-Learning Begriff und den damit assoziierten Praktiken auch auf die Stärken dieser Systeme hin. Diese bestehen für mich vor allem darin, dass es möglich ist, Dokumente gruppenspezifisch zugänglich zu machen und die eingetragenen Teilnehmer eines Kurses mit einem Klick per E-Mail zu erreichen. Die meisten darüberhinausgehenden Funktionen wie z.B. Wiki-Funktionalitäten, Blogging, E-Portfolio, Tests, Kalender etc. werden in der Regel durch – häufig kostenlose – Systeme und Services sehr viel professioneller bereitgestellt als das in den gängigen Learning Management Systemen möglich ist. Die entsprechenden Alternativen stellte ich auf einem dekiwiki unserer Wikifarm zur Verfügung, das für mich auch gleichzeitig ein gelungenes Beispiel einer effizienten Nutzeroberfläche darstellt (z.B. : Seitenüberschriften werden automatisch als Navigationspunkt in der korrekten Navigationshierarchie dargestellt).

    Die Anwesenden Vertreter der LMS-Anbieter (Fronter, Edunex, Moodle, Lonet, Vcat) waren keineswegs amüsiert und konterten u.a. : Learning Management Systeme ermöglichen innovative und kreative Praktiken, mit denen – differenziert nach Leistungsstand – Schülern passgenaue Lernangebote gemacht werden können. Meine Antwort auf diese Replik stellte die Anwesenden Vertreter der E-Learning Industrie dann ruhig: “Binnendifferenzierung ist tatsächlich eine Innovation, aber keine Innovation der E-Learning-Branche oder der LMS-Produzenten sondern eine Innovation der klassichen Pädagogik, die sich in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchsetzte und die seitdem für viele Lehrer zum Standardrepertoire gehört.”

    Einen durchaus interessanten Vorschlag machte der Moodle-Vertreter: Learning Management Systeme sollten besser Schul-Management-Systeme oder ähnlich genannt werden, da es bei diesen Systemen primär nicht um das Lernen direkt geht sondern um die strukturelle Unterstützung entsprechender Prozesse. Vielleicht liegt hier tatsächlich eine zukünftige Verwendungsform dieser Systeme. Sie könnten, da ihre Struktur ohnehin stärker an den hierarchichen Strukturen von großen Institutionen wie Schulen, Universitäten oder Großunternehmen orientiert sind, eher als Verwaltungsinstrumente dienen, denn als Unterstützungssysteme für die konkrete pädagogische Praxis.

    Mein Vortrag gliederte sich in vier Abschnitte: (1) Lerntheorie und Allgemeine Didaktik (2) Medienwahl (3) Didaktische Funktion (4) Einsatzszenarien. Diese Abschnitte wurden konotiert durch einen Diskurs zur parallelen und dennoch weitgehend berührungslosen Entwicklung von E-Learning und Lehrerbildung, der durchaus einige Aha-Effekte bei den anwesenden Gymnasiallehrern auslöste.

  • Foliensatz : Learning Management Systeme für die schulische Praxis
  • Begleitendes Wiki, das gerne als Sandbox genutzt werden kann
  • Kostenloses Dekiwiki als Webservice: mindtouch Express
  • Fachtagung Lernmanagementsysteme (LMS) eine Perspektive für Medienentwicklungsplanung?
  • Workshop: Interaktive Praktikumsexperimente

    Donnerstag, 28. Mai 2009

    labor

    Im Preconference-Bereich der diesjährigen GMW-Tagung bieten wir einen Workshop zur Gestaltung von Interaktiven Praktikumsexperimenten an. Das von Jürgen Kirstein in der Physikdidaktik entwickelte Konzept der “Interaktiven Bildschirmexperimente” wird derzeit im Rahmen des Programms “Familie in der Hochschule” in Kooperation mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), der Robert Bosch Stiftung und dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) in den Fächern Biologie, Chemie, Veterinärmedizin und Physik angewendet. Im Workshop werden Projektergebnisse vorgesellt, es gibt die Möglichkeit im Foto- und Filmlabor Erfahrungen mit der Aufnahme entsprechender Experimente zu sammeln und schließlich erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, in der Postproduktion auf der Basis von Flash und Actionscript die grundsätzlichen Programmierverfahren der IBE´s kennenzulernen. Unsere Produktionslabore befinden sich im Physik-Komplex der Freien Universität Berlin, genau neben dem Tagungsgebäude der diesjährigen GMW.

    Volltextarchiv Mediendidaktik

    Donnerstag, 19. März 2009

    Seattle Downtown Library - Level 4 - Foto: Esther Harlow - watch large size
    Foto: Esther Harlow, Creative Commons License

    Allgemeine Didaktik

    Mediendidaktik

    Hochschuldidaktik

    Lernen

    Produktorientiertes Lernen

    Webgestützte Werkzeuge

    Reformpädagogik

    Konstruktivismus

    Medientheorie

    Medienkompetenz

    Wissensmanagement

    E-Learning

    Forschungsdesign

    Als Grundlage für meine wissenschaftliche Arbeit pflege ich das Volltextarchiv zur Mediendidaktik. Die Auswahl der Artikel spiegelt mein Bemühen wider, die Mediendidaktik als Teil der Allgemeinen Didaktik zu betrachten. Aus rechtlichen Gründen können ausschließlich die Artikel heruntergeladen werden, die von Autoren oder Herausgebern offen im Web bereitgestellt werden. Diese Artikel sind mit einem schwarzen Download-Pfeil am Ende der Zeile gekennzeichnet. Artikel, die als PDF im geschützten Bereich auf dem Server liegen, können auf Nachfrage gerne lokal bei mir eingesehen werden. Gleiches gilt für hier verschlagwortete Bücher.

    Wenn es für Sie wichtig ist, kurzfristig einen Artikel als Volltext zur Verfügung zu haben, den sie hier nicht downloaden können, empfehle ich den Dokumentenlieferdienst subito. Die über subito bezogenen Artikel (Preis ca. 6.50 EUR pro Artikel) sollten Sie sich immer per traditioneller Post zusenden lassen, da der Dienst rechtlich verpflichtet wurde, PDF´s mit einem unsäglichen Digital Rights Management (DRM) zu versehen, das nicht nur die Weitergabe, sondern auch das Lesen und das Drucken des Dokuments massiv einschränkt.

    Aktuelle Studien im Umfeld der Mediendidaktik: http://studien.mediendidaktik.org
    Gesamter aktueller Datenbestand: http://lib.mediendidaktik.org

    Die Macht technologischer Innovationen

    Donnerstag, 12. März 2009

    Wenn man sich die folgenden Zitate ausgewiesener Experten im Bereich des E-Learnings vor Augen führt, dann wundert man sich doch, wie naiv offensichtlich Verantwortliche in Drittmittelgebenden Stellen mit dem Innovationsbegriff umgehen. Während Andrea Back eine disruptive Innovation im Bereich des E-Learnings postuliert, kämpft die ganze Branche darum, überhaupt noch ernst genommen zu werden. Und der Drittmittelgeber erwartet mindestens “Semantische Netzwerke” oder “Microblogging”, alles andere ist nicht innovativ. Wäre es nicht höchste Zeit, sich beim Medieneinsatz in so sensiblen Feldern wie Schule, Hochschule und Weiterbildung an pädagogisch begründeten, didaktischen Erneuerungen zu orientieren und nicht an der Technologie als Selbstzweck?

    Disruptive Innovation, Foto: Phil Balchin

    Foto: Phil Balchin, Creative Commons License

    Wer glaubt noch an die immer wieder neu ausgerufenen technologischen Revolutionen, die ihr Versprechen im Kontext der Bildung nie einhalten konnten?

    2002: Rolf Schulmeister
    “Die meisten experimentellen Vergleiche von Unterrichtsmethoden erzielen keine signifikanten Ergebnisse, und die wenigen signifikanten Resultate widersprechen sich gegenseitig” (Schulmeister, 2007, S. 363)

    2004: Gerhard Tulodziecki
    “Insgesamt zeigen die vielen Studien zu generellen Medieneffekten (als Vergleich zwischen medienunterstützten und herkömmlichen – personal vermittelten – Lehr- und Lernprozessen), dass nicht von einer grundsätzlichen Überlegenheit des Lernens mit Medien gesprochen werden kann” (Tulodziecki/Herzig, 2004, S. 81)

    2006: Gabi Reinmann
    “Es liegt auf der Hand, dass E-Learning bis dato keine umwälzenden Veränderungen nach sich zieht und damit keine Innovation ist, die sich mit der Erfindung und Etablierung der Eisenbahn oder mit der Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung vergleichen ließe.” (Reinmann, 2006, S. 32)

    2007: Michael Kerres
    “Die Erwartungen an die in den letzten Jahren besonders diskutierten digitalen und interaktiven Medien sind vielschichtig. Besonders verbreitet ist die Hoffnung, dass der Einsatz digitaler Medien bessere Lernleistungen erzielt und dies mit einer höheren Effizienz, d.h. Lernergebnisse mit letztlich geringeren Aufwändungen erzielen zu können. Beide Annahmen finden durch die Forschung bislang eher wenig Unterstützung. Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass im Durchschnitt betrachtet Lernerfolg eher unabhängig ist von dem gewählten Mediensystem. Eine mögliche Kostenersparnis bei gleich bleibendem Lernerfolg (!) ist darüber hinaus bisher überraschend selten systematisch nachgewiesen worden”. (Kerres, 2007, S. 3)

    • Kerres, M. (2007). Mediendidaktik. In F. von Gross, & K. – U. Hugger (Eds.), Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS Verlag.
    • Reinmann, G. (2006). Ist E-Learning eine pädagogische Innovation? In R. Arnold, & M. Lermen (Eds.), elearning-Didaktik (Vol. 48). Hohengehren: Schneider Verlag.
    • Schulmeister, R. (2007). Grundlagen hypermedialer Lernsysteme. München: Oldenbourg Verlag.
    • Tulodziecki, G., & Herzig, B. (2004). Mediendidaktik: Medien in Lehr- und Lernprozessen. In Handbuch Medienpädagogik (Vol. 2). Stuttgart: Klett-Cotta.

    Poster-Sessions mit QR-Tags

    Freitag, 6. März 2009

    Bei der Abstimmung von Beiträgen für die nächste DPG-Tagung diskutierten wir in unserem Arbeitsbereich (Didaktik der Physik) die Inhalte der Poster für die übliche Poster-Session. Dabei stellte sich hier und da das Problem, dass auf den Postern die Inhalte nur sehr verkürzt dargestellt werden können. Mein Vorschlag: Ergänzende Informationen in Form von Videos oder HTML-Seiten für Mobilgeräte anbieten, die durch einen entsprechenden QR-Tag (“QR” steht für “quick response”) auf dem Poster ausgelesen werden können. So können Tagungsbesucher die

    qr-code4

    Informationen eines Posters, das sie interessiert, mitnehmen und bei Gelegenheit auf dem Mobilgerät ansehen, z.B. während weniger interessanten Voträgen oder bei der Heimfahrt in der Bahn. Mit folgenden einfachen Schritten lässt sich dieses Verfahren anwenden:

    1. HTML-Seite oder Video publizieren (z.B. Youtube)
    2. URL der Information kürzen (um den QR-Tag nicht zu komplex werden zu lassen), z.B. mit tiny-url oder doiop.com
    3. Gekürzte URL in QR-Tag konvertieren, z.B. mit dem Kaywa QR-Code Generator
    4. Bild-Datei des erzeugten QR-Tags lokal speichern und in das Poster einfügen

    Tagungsbesucher können dann die entsprechenden Informationen abrufen, wenn sie auf ihrem Mobiltelefon einen QR-Reader installiert haben. Hier eine Übersicht von Readern für die verschiedenen Telefon-Typen : mobile-barcodes.com oder für das Iphone z.B. NeoReader

    Interaktive Praktikumsexperimente

    Dienstag, 3. März 2009

    Rotationsverdampfer, Foto: Wolfgang Neuhaus

    In Absprache mit Lehrenden aus den Fachgebieten Chemie, Biologie, Veterinärmedizin und Physik unserer Universität (FU Berlin) entwickeln wir derzeit online verfügbare, fotorealistische, interaktive Praktikumsexperimente.

    In den naturwissenschaftlichen Fächern sind Praktika sehr bürokratisch organisiert, so dass Studierende ein Experiment häufig nur ein einziges Mal im Zuge ihres Studiums durchführen können. Interaktive Bildschirmexperimente (IBE), die das Praktikumsexperiment virtuell nachvollziehbar machen, erlauben es Studierenden zur Reflexion, zur Vorbereitung von Prüfungen oder zur Vertiefung, das Experiment zu jeder Zeit realitätsnah zu wiederholen. Das von Dr. Jürgen Kirstein entwickelte Konzept der IBE wird im Bereich der Physik schon seit einigen Jahren erfolgreich angewendet. Hier einige Beispiele aus der Physik: Beispielproduktionen

    Zur Produktion der IBE setzen wir professionelle Video- und Foto-Technologie ein. Hier einige Impressionen einer Aufnahmesession in der Veterinärmedizin: Foto-Galerie. Die realitätsnahe Interaktivität wird mit Actionscript-Programmierung in Flash realisiert. In einem Pilotprojekt, das ich koordiniere, planen wir bis zum Jahresende bis zu zwanzig Experimente in den genannten naturwissenschaftlichen Fächern zu produzieren. In Zukunft wird es die Möglichkeit auch für andere Universitäten geben, entsprechende Experimente produzieren zu lassen. Die Ausgründung einer Firma, die solche Aufträge umsetzt, läuft derzeit auf Hochtouren.

    Von hier an blind ..

    Dienstag, 17. Februar 2009

    Bevor ich in diesem Blog meine eigenen Gedanken zum Tanzen bringe, sollen hier zunächst einige Zitate von Gerhard Tulodziecki und Bardo Herzig den Absprungpunkt markieren, von dem aus ich mich bemühen werde, praxistaugliche Aspekte in die inzwischen weit ausufernde Diskussion um mediengestützte Formen des Lernens einzubringen.

    Kreuzberg, Oranienstraße, Foto: Wolfgang Neuhaus

    Formen der Erfahrung (nach Tulodziecki/Herzog)

    • reale Form, diese ist z.B. beim Handeln oder bei Beobachtungen in der Wirklichkeit, bei der personalen Begegnung mit Menschen oder beim realen Umgang mit Sachen gegeben,
    • modellhafte Form, diese liegt z.B. beim Umgang mit Modellen oder beim simulierten Handeln im Rollenspiel und entsprechenden Beobachtungen vor,
    • abbildhafte Form, diese ergibt sich z.B. bei der Information mit Hilfe realgetreuer oder schematischer bzw. typisierender Darstellungen,
    • symbolische Form; diese besteht z.B. in der Aufnahme von Informationen aus verbalen Darstellungen oder nicht-verbalen Zeichen.

    Vor dem Hintergrund der Beschreibung dieser grundlegenden Formen von Erfahrung wird im Folgenden ein Bezug dieser Erfahrungsformen zum menschlichen Lernen hergestellt:

    “Aus lerntheoretischer Sicht ist es in der Regel wünschenswert, dass Vorstellungen über die Wirklichkeit aus der Beobachtung oder aus dem konkreten Handeln in der Realität, erwachsen. Bei nur modellhaften, abbildhaften oder symbolischen Erfahrungsformen besteht immer die Möglichkeit, dass sich unangemessene bzw. irreführende Vorstellungen über die Wirklichkeit ausbilden”.

    “Dort, wo aufgrund des bisherigen Lebens- und Bildungsweges bereits unmittelbare Erfahrungen zu einem Wirklichkeitsbereich vorliegen, kann selbstverständlich auf diese zurückgegriffen und mit modellhaften, abbildhaften oder symbolischen Darstellungen angemessen gelernt werden.”

    “Inhaltliche Vorstellungen sollten – wenn dies realisierbar bzw. möglich ist – auf unmittelbare Erfahrungen bezogen werden.”

    Quelle:

    • Tulodziecki, G., & Herzig, B. (2004). Mediendidaktik: Medien in Lehr- und Lernprozessen. In Handbuch Medienpädagogik (Vol. 2). Stuttgart: Klett-Cotta. S. 15/16