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Archiv für die Kategorie „Wildes Denken“

Design und Lernen

Samstag, 30. Juni 2012

Wie Menschen lernen, lässt sich leider nicht voraussehen. Entsprechend lassen sich Lernprozesse nicht planen. Was sich aber planen lässt, ist z.B. die Realisierung eines Produktes. Prozesse, die zu Produkten führen, nennen wir Designprozesse. Das schöne an solchen Designprozessen ist, dass die daran Beteiligten – quasi beiläufig – zahlreiche Anknüpfungspunkte und Motivationen finden, ihre jeweils spezifischen Kompetenzen weiterzuentwickeln und zu ergänzen.

Abbildung 1: Quelle: Dubberly 2004, S. 3

Lernen wird dadurch sinnvoll und bedeutungsvoll. Durch die Beteiligung an der Umsetzung eines gemeinsamen Produktes geraten die Beteiligten in eine Art kollektiven »Design-Modus«, der die Wahrscheinlichkeit des Auftretens intrinsisch motivierten Lernens erhöht. Das »Dubberly Design Office« in San Francisco hat sich die Mühe gemacht, in der anschaulichen Broschüre »How do you design?«, die wichtigsten Design-Modelle aus unterschiedlichen Kontexten zusammenzustellen, kurz zu erläutern und zu visualisieren.

Bei der Gestaltung von Lernumgebungen und antizipierbaren, kollektiven Bildungsprozessen kann dieser Pool als Anregung dienen, eigene Entwürfe eines Didaktischen Designs zu realisieren. Die Dubberly-Broschüre präsentiert hier Konzepte vom Design Thinking, entwickelt von der Firma Ideo, über Decomposition/Recombination Models von Christopher Alexander bis zur »Comprehensive Anticipatory Design Science« von Buckminster Fuller. Der Download-Link der 147-seitigen Broschüre findet sich am Ende des Beitrags. Im Folgenden einige exemplarische Visualisierungen daraus:

Decomposition/Recombination

Der Decomposition/Recombination-Prozess von Christopher Alexander wird hier vom Verein deutscher Ingenieure genutzt, um eine Methodik zum Entwickeln und Konstruieren technischer Systeme und Produkte zu beschreiben (VDI 2221). Zusammengestellt hat diese Informationen Nigel Cross in seinem Buch »Developments in Design Methodology«.

Abbildung 2: Decomposition/Recombination nach Christopher Alexander,
Quelle: Dubberly 2004, S. 23

Adaptility Loop

Zur Beschreibung der Adaptiltiy Loop zitiert die Dubberly-Broschüre Stephan Heckel wie folgt: “Haeckel proposed this process for managing within a changing environment. At first, it appears to be a classic feedback-based control loop. But the options for action include changing goals and thus suggest a more complex process than is represented in the model.” (Dubberly 2004, S. 131)

Abbildung 3: Adaptability Loop nach Stephan Haeckel,
Quelle: Dubberly 2004, S. 131

Divergenz-Konvergenz

Das konvergierende Design-Modell von Nigel Cross geht davon aus, das es, in den verschiedenen Iterationsschleifen der Annäherung an das Produkt, auch möglich und notwenig sein kann, zu divergieren. Divergierende und konvergierende Aspekte lassen sich als Oszillation beschreiben. Durch die Fokussierung auf die Lösung konvergiert dieser Oszillationsprozess bis die Lösung gefunden ist.

Abbildung 4: Konvergierender Designprozess nach Nigel Cross,
Quelle: Dubberly 2004, S. 25

Quelle

Dubberly, H. (2004). How do you design ? A Compendium of Models.
San Francisco: Dubberly Design Office.

Links

  • Dubberly: How do you design? (PDF)
  • Dubberly: Design Models
  • Dubberly: Blog
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    Was ist Innovation?

    Donnerstag, 3. Mai 2012

    Der Innovationsbegriff sollte für Wachstum stehen, für echtes Wachstum im Sinne von menschlicher, sozialer, ökologischer, technologischer und ökonomischer Entfaltung. Der heute gebräuchliche Innovationsbegriff behindert Wachstum, indem er durch seine explizit ökonomische Interpretation unsere Gesellschaft von innen zerfrisst. Das wäre meine Ausgangsthese, wenn es darum geht, den Innovationsbegriff neu zu definieren. Denn diese Definition ist in meinem Beitrag zum Thema »Bildung als permanente Innovation« offen geblieben, wie Martin Lindner und Norbert zutreffend im Review-Blog angemerkt haben. Der heute gängige ökonomische Innovationsbegriff kann aus meiner Sicht nur ein Unterbegriff des allgemeinen Begriffs »Innovation« sein. Ich bin selbst auf der Suche nach einer schlüssigen Definition. Ein wichtiger Ankerpunkt dafür scheint mir Thomas S. Kuhns »Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« zu sein. Spannend auch David Bolliers Vortrag »Commons as a different Engine of Innovation« oder sein Text »Viral Spiral«. Und gerade entdeckt: Werner Rammert an der TU-Berlin, ein Graduiertenkolleg zum Thema: Die reflexive Herstellung des Neuen. Eine gerade entstehende Schule in Köln ist eigentlich ein gutes Beispiel für Innovation im Sinne von »echtem« Wachstum: School is Open! Und natürlich auch interessant das Diffusion of innovation model von Everett M. Rogers. Was ist mit Elinor Ostrom und Silke Helfrich? Gab es auf der re:publica dazu interessante Statements? Ich habe bisher einige Quellen zusammengestellt, habe aber noch nicht den Überzeugenden Ansatzpunkt gefunden für eine schlüssige Definition. Ich fände es spannend mal zu sehen, ob die Intelligenz der Massen hier helfen kann. Jeder von Euch hat sich doch sicherlich schon mit ähnlichen Fragen rumgeschlagen und Quellen dazu herumliegen. Also wiederbelebt Eure Blogs, öffnet Eure Etherpads. Wir sind die mit den Fragen … ;-)

    AlphaSphere Trigger Pads – Musik fürs Jetzt …

    Mittwoch, 21. März 2012

  • AlphaSphere
  • Bruno Latour: Befreiung aus den Endlosschleifen der Postmoderne

    Dienstag, 21. Februar 2012

    Unser Verhältnis zur Zukunft wirkt heute häufig so, als wären wir der Zukunft ausgeliefert, als müssten wir ständig den Ereignissen hinterherlaufen. Gerade in der IT-affinen Welt hat sich eine Mentalität breit gemacht, die ein neu Hervorgebrachtes sofort für veraltet erklärt, die mit hoher Energie den nächsten Hype erwartet, vorhersieht, glorifiziert. Die besondere Qualität der Konzentration auf eine Sache geht zunehmend verloren. Vieles spricht dafür, dass diese Mentalität Ausdruck postmodernen Denkens ist. Eines Denkens, das – verfangen in zahllosen Endlosschleifen – heute zunehmend absurde Züge annimmt und das, wenn man Bruno Latour glauben darf, im Grunde schon der Vergangenheit angehört. In einem Vortrag an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, anlässlich der Annahme des Kulturpreises der Münchener Universitätsgesellschaft vor zwei Jahren, entwickelt Latour Perspektiven für eine Zeit nach der Postmoderne (siehe Heise-Artikel 2010).

    Bereits In seinem Buch »Wir sind nie modern gewesen« räumt Latour mit dem Postmodernismus auf: “Der Postmodernismus ist ein Symptom und keine neue, unverbrauchte Lösung. Er lebt unter der modernen Verfassung, aber glaubt nicht mehr an die Garantien, die sie bietet” (Latour 2008, S. 64). Aber auch den Utopismus der Moderne entlarvt Latour als unrealistisch und rückwärtsgewandt und greift damit eine These auf, die der Kunstkritiker und Medientheoretiker Boris Groys Ende der Neunziger Jahre eindrücklich formuliert hat:

    “Der Utopismus der Moderne ist auf seine Art ein Konservatismus der Zukunft”

    “Das Denken der Moderne geht im Unterschied zu dem der meisten vorangegangenen Jahrhunderte von der Voraussetzung aus, dass sich die universelle Wahrheit in der Gegenwart oder Zukunft offenbaren kann, nicht nur in der Vergangenheit. Oder anders gesagt, dass die Wahrheit sich als Sinn, Wesen, Sein usw. jenseits der Tradition in der Wirklichkeit ankündigt. Deshalb neigt der moderne Mensch tatsächlich zur Erwartung und zur Hoffnung, dass sich ihm diese neue Wahrheit offenbaren und ihn von seinen früheren Irrtümern befreien möge. Indessen wird auch in der Moderne diese sich im Laufe der Zeit offenbarende Wahrheit als ewig und außerzeitlich verstanden. Sie unterliegt folglich der fortdauernden Bewahrung für die Zukunft, sobald sie einmal enthüllt worden ist. Das ist der Grund, weshalb diese Zukunft in der Moderne in der Regel so entworfen wird, wie man sich früher die Vergangenheit vorstellte – als harmonisch, unveränderlich und der einen Wahrheit unterstellt. Der Utopismus der Moderne ist auf seine Art ein Konservatismus der Zukunft” (Groys 1999, S. 24).

    In Latours Worten beim Vortrag an der LMU klingt das dann so: “Was die Modernen »ihre Zukunft« nannten, wurde nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, da es die Zukunft von jemandem war, der seiner Vergangenheit rückwärts entflieht, und sie nicht vorwärts bedacht wurde. Deshalb war ihre Zukunft, wie ich vorher betont habe, immer so unrealistisch, so utopisch” (Latour 2010, S. 14). Dem postmodernen Denken traut Latour (in: »Wir sind nie modern gewesen«) jedoch keinesfalls zu, das moderne Denken abzulösen:

    “Warten auf das Ende des Jahrtausends”

    “In den unzähligen Auseinandersetzungen der Alten und der Modernen gewinnen die ersten jetzt genauso oft wie die zweiten, und nichts erlaubt mehr zu sagen, ob die Revolutionen den alten Regimes den Garaus machen oder sie vollenden. Daher der Skeptizismus, der seltsamerweise »post«-modern genannt wird, auch wenn er nicht weiß, ob er fähig ist, die Moderne für immer abzulösen” (Latour 2008, S. 19). Bereits einige Zeilen vorher bringt Latour den postmodernen Gestus auf den Punkt: “Unfähig, an die Versprechen von Sozialismus oder »Naturalismus« zu glauben, hüten sich die Postmodernen wohl, gänzlich daran zu zweifeln. In der Schwebe zwischen Glauben und Zweifel warten sie auf das Ende des Jahrtausends” (Latour 2008, S. 18).

    So entwirft Latour in der LMU-Rede mit seinem »Versuch ein kompositionistisches Manifest zu schreiben« (das zugegebenermaßen nicht ganz leicht zu lesen ist), eine Zukunft, die wir aktiv gestalten und nicht nur passiv entgegennehmen, in der es um Komposition geht, um echte Anliegen. Hier zwei Zitate aus seinem Vortrag:

    “Komposition”

    “Sie lenkt so die Aufmerksamkeit weg vom irrelevanten Unterschied zwischen dem Konstruierten und dem nicht Konstruierten, zwischen dem Komponierten und nicht Komponierten, und statt dessen hin zum wichtigen Unterschied zwischen dem gut oder schlecht Konstruierten, gut oder schlecht Komponierten. Was komponiert wurde, kann jederzeit auch kompostiert werden. Kompositionismus stellt sich die Aufgabe, Universalität zu suchen, ohne zu glauben, dass Universalität schon da sei und darauf warte, enthüllt und entdeckt zu werden” (Latour 2010, S. 4).

    “Wir wollen Immanenz und Wahrheit auf einmal, spricht der Kompositionist. Oder um meine Sprache zu verwenden: wir wollen matters of concern, nicht matters of fact; Anliegen, nicht Tatsachen” (Latour 2010, S. 8).

    Vielleicht hilft es – um Bruno Latour zu verstehen – Richard Rorty heranzuziehen, der mit seiner Neuformulierung des Pragmatismus eine ähnliche Beziehung zum Zukunftsbegriff hat wie Latour: “Die Phantasie ist die Quelle neuer wissenschaftlicher Bilder des physikalischen Universums ebenso wie die Quelle neuer Entwürfe möglicher Gemeinschaftsformen. Sie ist das, was Newton und Christus, Freud und Marx gemeinsam war: Die Fähigkeit, das Vertraute mit Hilfe unvertrauter Begriffe neu zu beschreiben” (Rorty 1992, S. 88).

     

  • Zum vollständigen Vortrag von Bruno Latour auf Heise.de: Ein Versuch, das “Kompositionistische Manifest” zu schreiben, übersetzt von Sascha Pöhlmann.
  • Quellen:

    • Groys, B. (1999). Über das Neue – Versuch einer Kulturökonomie. Frankfurt am Main: Fischer.
    • Latour, B. (2008). Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Latour, B. (2010). Ein Versuch, das “Kompositionistische Manifest zu schreiben” Vortrag zur Annahme des Kulturpreises der Münchener Universitätsgesellschaft am 8. Februar 2010 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität.
    • Rorty, R. (1992). Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Labor für selbstbestimmte Bildung

    Freitag, 10. Juni 2011

    Vom 21. bis 23. Juni 2011 führt die Berliner Gazette im Künstlerhaus Bethanien in Berlin ein Labor für selbstbestimmte Bildung durch. Es richtet sich an Kulturschaffende, soziale Entrepreneure und Pädagogen, die neue Impulse in diesem Feld suchen. Dienstag den 21. Juni, 19.00 Uhr gibt es das “Public Opening” mit einem Lecture Concert der Künstlerguppe andcompany&Co und der Vorstellung des in diesem Zusammenhang erschienenen Buches “Modell Autodidakt”. Zu diesem Buch konnte ich einen Artikel beitragen, der bereits vor einiger Zeit als Blogbeitrag in der Berliner Gazette erschienen ist: “Tschüss E-Learning, Hallo Community-Education”

    Am Labor für selbstbestimmte Bildung bin ich mit einem Workshop zum Thema “Medienkompetenz heute” beteiligt. Als Einstieg dient der hier verlinkte Foliensatz “Medium und Bildung”, sowie ein “adhoc-lab” auf der Learners´Garden Plattform, in dem die Teilnehmenden bei Bedarf Online-Medien nutzen können, um ihre Ideen und Visionen zu erproben.

  • Adhoc-Lab
  • Learners´Garden
  • Buch: Modell Autodidakt
  • Labor für selbstbestimmte Bildung
  • Artikel: Tschüss E-Learning, Hallo Community-Education
  • Rückblick von David Pachali auf den Workshop
  • Video Stapel

    Sonntag, 20. Februar 2011

    Quelle: Kunsthochschule Kassel, http://www.fragen-zur-kunst.de

    Eine schöne Form, Videos zu stapeln und assoziativ zu präsentieren zeigt hier die Kunsthochschule Kassel anlässlich der documenta 12 im Jahr 2007. Leider nur mit Flash lauffähig. Eine Adaption eines solchen Designs auf HTML5 und Javascript würde es möglich machen, Vergleichbares auch auf Ipad, Iphones etc. verfügbar zu machen.

    Marshall McLuhan Speaks ! Die Videos

    Mittwoch, 26. Januar 2011

    Video-Collection: Marshall McLuhan Speaks

  • Marshall McLuhan Speaks: CENTENNIAL 2011
  • Silent Climate Parade Berlin: Innovatives Didaktisches Design, kreativer Medieneinsatz

    Freitag, 15. Oktober 2010

    [vimeo]http://vimeo.com/15711201[/vimeo]

    (1) Video-Mitschnitt der Silent Climate Parade 2010 von Laurent Hoffmann

    Ein schönes Beispiel für den Medieneinsatz in selbstorganisierten Lernkontexten ist die “Silent Climate Parade”, auf der ich in diesem Jahr ein Stück mitlaufen konnte. Die Aktion weist einige interessante, reformpädagogisch geprägte Bildungsmerkmale auf, welche einen zweckgerichteten Medieneinsatz innerhalb eines gewählten Didaktischen Designs nahelegen. Die Aktion macht deutlich, warum der “E-Learning”-Begriff zunehmend ungeeignet erscheint, komplexe Lernarrangements zu beschreiben. Gegenüber ganzheitlichen Konzepten sozialen Lernens wirkt “E-Learning” inzwischen zu verengend, geradezu antiquarisch.

    Aus der Einsicht, dass ein menschenwürdiges Leben auf unserem Planeten von einer CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre abhängig ist, die zwischen 275 ppm und 350 ppm liegt (ppm: Anzahl von Molekülen in der Atmosphäre pro Millionen) fordern WissenschaftlerInnen und UmweltaktivistenInnen unter der URL www.350.org weltweit dazu auf, lokale Aktionen durchzuführen, die darauf aufmerksam machen, dass die heutige CO2-Konzentration mit ca. 387 ppm deutlich über den maximal zu verkraftenden 350 ppm liegt (Tendenz steigend) und die Erderwärmung dadurch stetig ansteigt. Da die internationale Politik immer wieder ihre Unfähigkeit demonstriert, adäquate Konsequenzen aus diesem Sachverhalt zu ziehen, setzen die Initiatoren auf weltweite Basis-Initiativen, die die offizielle Politik unter Druck setzen. In Berlin griffen Umweltaktivisten, Raver und Studenten diese Aufforderung auf, entwickelten mit der “Silent Climate Parade” ein eigenständiges Aktionskonzept und dokumentierten damit gleichzeitig ein unverkrampftes, zukunftsfähiges Verhältnis zum Lernen.

    Zum Podcast bei Sound of Tempelhof

    (2) Geotagged Podcast mit der für die Passanten hörbaren Geräuschkulisse,
    die während der Parade aufgenommen wurde (Sound of Tempelhof)

    Mit diesem Blogbeitrag möchte ich auf die Funktion der Medien im Rahmen derartiger Aktionen hinweisen. Die Silent Climate Parade ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für anspruchsvolles Didaktisches Design. Mediendidaktisch interpretiert, können hier fünf Bildungsmerkmale den Entscheidungsrahmen der Medienwahl konturieren:

    Lernen als das Schaffen neuer Realitäten
    Eine tanzende Menge von 350 Personen bewegt sich still über die Straßen, ohne dass Passanten etwas von der rythmusgebenden Musik mitbekommen. Eine neu geschaffene Realität, die Passanten neugierig macht und die die sonstige Öffentlichkeit für dieses Ereignis interessiert. Ganz im Sinne der Projektmethode wird hier eine neue Wirklichkeit erzeugt. Die Neugier der Passanten und der sonstigen Öffentlichkeit soll genutzt werden, um auf die Notwendigkeit der Verminderung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre aufmerksam zu machen. Der Prozess von der Idee bis zur Realisierung der Parade bringt die Macher dazu, sich auf unterschiedlichsten Ebenen mit den Gründen für die Erderwärmung, die möglichen Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre und der Vermittlung dieser Forschungsergebnisse, aktiv auseinanderzusetzen.

    Lernen durch Handeln
    Die Auseinandersetzung mit der CO2-Problematik und den vielfältigen zur Realisierug der Silent Climate Parade erforderlichen Teilaufgaben eröffnen ein breites Handlungsspektrum und damit vielfältige aktive Lerngelegenheiten für jeden Einzelnen der am Projekt beteiligten. Zahlreiche empirische Untersuchungen bestätigen die große Bedeutung des aktiven Handelns für das Lernen.

    Lernen durch Lehren
    Der Anspruch, die eigenen Erkenntnisse über den Zustand unserer Erdatmosphäre an andere weiterzugeben, erfordert eine ausgiebige Auseinandersetzung mit dem konkreten Sachverhalt unter dem Aspekt, was davon wie gut zu erklären und vermittelbar ist. Dieser aktiven Art der Auseinandersetzung mit Themen wird sowohl in reformpädagogischen Konzepten wie auch in kognitionspsychologischen Untersuchungen große Lernwirksamkeit zugesprochen.

    Lernen durch Kommunikation
    Inhalte, Planungsschritte, Kampagnen-Meilensteine, Mobilisierung und Umsetzung erfordern vielfältige Formen der Kommunikation mit Mitstreitern, Zielgruppen und Dienstleistern, durch die die Kernsachverhalte unter immer wieder neuen Perspektiven formuliert, durchdacht und angepasst werden müssen. Eine ideale Situation für das menschliche Lernen.

    Lernen in Communities of Practice
    Der Prozess der sozialen Partizipation in einer Community of Practice macht das Lernen bedeutungsvoll und nachhaltig, da hier nicht in künstlichen Lernumgebungen agiert wird, sondern in der für die Gesellschaft bedeutungsvollen Realität. Fachdidaktische Forschungsergebnisse (Physik im Kontext, Chemie im Kontext) legen nahe, dass die Situiertheit der jeweils individuellen Lernprozesse einen positiven Einfluss auf die intrinsische Motivation der Akteure hat.

    Flyer zum »Silent Climate Move 2010«

    (3) Flyer, der am Rande der Parade von den Tanzenden an Passanten verteilt wurde

    Diese Umrisse eines denkbaren Didaktischen Designs eröffnen vielfältige Möglichkeiten für eine zweckbestimmte Medienwahl. Vier Funktionen des Medieneinsatzes lassen sich bei der Silent Climate Parade identifizieren:

    Gemeinsamen Rythmus verfügbar machen
    Die Medien, die sich hier anbieten, sind ein klassisches DJ-Set mit zwei Plattenspielern, Mischpult und Audio-Verstärker. Wobei ja bei der Parade die Musik für Passanten nicht hörbar sein soll. Deshalb wird noch für jeden Teilnehmer ein Funkkopfhörer benötigt, sowie ein Sender, der die Musik vom Audio-Verstärker auf die Kopfhörer der Tanzenden überträgt. Da nicht jeder gerade mal 350 Funkkopfhörer zur Verfügung hat, gilt es hier, Sponsoren aufzutun, die diese Technologie zur Verfügung stellen.

    Kommunikation mit Passanten herstellen
    Die Information neugieriger Passanten kann durch direkte Gespräche erfolgen (der Kopfhörer muss dafür abgesetzt werden …), sowie durch Flyer, die Informationen zur Bedeutung der 350 ppm-Grenze für den CO2-Gehalt der Atmosphäre, den Folgen der Erderwärmung und Möglichkeiten zur Partizipation an Gegenmaßnahmen enthalten. Hierfür erforderliche Medien sind ein Editor zur Gestaltung des Flyers (QuarkXpress, DTP, o.ä.), Drucker und eine Schneidemaschine zur Vervielfältigung der Flyer. Für die Weiterführung der Diskussion auch nach der Veranstaltung wird auf den facebook-Account aufmerksam gemacht, auf dem sich die Community über entsprechende Aktionen und Maßnahmen austauscht.

    TeilnehmerInnen mobilisieren
    Um für die eigentliche Aktion genügend TeilnehmerInnen zu gewinnen empfielt es sich, die Aktion auf einer Homepage anzukündigen, die über befreundete Online-Netzwerke mit Hilfe von Twitter, facebook und thematisch passenden Blogs verbreitet wird.

    Partizipation ermöglichen
    Auf der Homepage, wie auch in der facebook-Gruppe wird die Möglichkeit angeboten, sich für die Veranstaltung zu registrieren, die E-Mail-Adresse zu hinterlassen, um zu Vor-Ort-Vorbereitungstreffen eingeladen werden zu können. Darüber hinaus ist es möglich, sich über facebook mit anderen Akteuren über das Vorhaben auszutauschen.

    Zur Facebook Seite der »Silent Climate Parade«

    (4) Facebook-Seite der Aktion

    Sicherlich ist das hier herausgearbeitete Didaktische Design ein Spezialfall, der nur begrenzt auf die Bedingungen institutionellen Lernens übertragen werden kann. Dennoch sind viele der hier aufgeführten Aspekte bei der Planung solcher Lernarrangements von Bedeutung, die sich z.B. auf die Projektmethode, das Forschende Lernen oder andere Methoden selbstorganisierten Lernens beziehen. Bleibt zu hoffen, dass TeilnehmerInnen und Initiatoren der Aktion Verständnis dafür haben, dass ich ihre Veranstaltung hier einmal aus didaktischer Perspektive beleuchtet habe …

    Hintegrundinformationen:

  • Projekt-Homepage: Silent Climate Parade
  • Facebook-Seite
  • Podcast mit den für Passanten hörbaren Geräuschen
  • Hintergrundinformationen zum CO2-Gehalt der Atmosphäre
  • Studie (2008): Target Atmospheric CO2: Where should Humanity Aim? (PDF)
  • Mashable-Blogbeitrag zur Bedeutung von Social Media für Soziale Bewegungen
  • Video-Zusammenschnitt der Parade
  • Der "Happy Planet Index" – Empirischer Maßstab für einen zukunftsfähigen Bildungsdiskurs ?

    Samstag, 2. Oktober 2010

    Zur interaktiven Karte mit länderspezifischen HPI-WertenWeltweiter Vergleich der Lebenszufriedenheit im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck (HPI) pro Land. Grün steht für positive Werte, Gelb für mittlere Werte, Rot für schlechte Werte.

    Der Bildungsbegriff bildet in der deutschsprachigen Tradition der Didaktik Maßstab und Perspektive für alle Arten didaktischer Entscheidungen, zumindest dort, wo Unterricht von professionell ausgebildeten Lehrkräften organisiert wird, wie z.B. bei den über 700.000 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern an den staatlichen Schulen in Deutschland. Spätestens seit dem Übergang in die Wissensgesellschaft erhält der Bildungsbegriff einen noch weiteren Wirkungsbereich. Bildung ist nun nicht mehr ausschließlich zentrales Thema von Schule, Hochschule und Kindergarten, sondern Bildung begleitet uns heute ein Leben lang als zentraler Faktor in allen gesellschaftlichen Bereichen. Mit Bildung bezeichnen wir Subjektentwicklung und verändernd produktive Teilnahme an Kultur und Subkultur, Gewinnung von Individualität und Gemeinschaftlichkeit, Befähigung zu Selbstbestimmung und Solidaritätsfähigkeit (Gudjons 2008, S.200). Bildungstheorie hat ihren Bezugspunkt in aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen und zielt auf Zukunft (Peukert 2000, S. 507-524). “Bildung kann sich nicht der schwierigen Aufgabe entziehen, in der Gegenwart die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft leisten zu müssen. Ihre Institutionen werden lernen müssen, auf sich verändernde Rahmenbedingungen und auf neue, häufig noch ungewisse Herausforderungen flexibel und rechtzeitig zu reagieren” (Bildungskommission NRW 1995, S. 24)

    Die zentrale gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die sich uns heute stellt, ist ein immer gravierender zu Tage tretender Widerspruch zwischen dem weit verbreiteten Glauben an die Abhängigkeit unserer Lebensqualität von wirtschaftlichem Wachstum und den tatsächlichen Auswirkungen ungezügelter ökonomischer Expansion. Der Glaube an den weltweit tief verwurzelten Wachstumsmythos gerät heute ins Wanken. Eine Orientierung am wirtschaftlichen Wachstum, als scheinbarem Indikator für Lebensqualität, bringt uns, unsere Wirtschaft und unsere Umwelt zunehmend in existenziell bedrohliche Situationen. Tägliche Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen hören sich heute genau so an, wie die fiktiven, viel belächelten Bedrohungsszenarien der 70er Jahre. Nur heute ist dies alles nicht mehr fiktiv: Eine Lebensmittelindustrie, die der Gewinnmaximierung einen höheren Stellenwert zuschreibt als unserer Gesundheit, macht Fettleibigkeit zu einem gesundheitsgefährdenden, gesamtgesellschaftlichen Massenphänomen. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit produzieren die großen Energiekonzerne radioaktive Abfälle, die für Millionen von Jahre ganze Regionen unseres Planeten bedrohen. Die Wachstumsfixierung der Banken führt uns von einer Wirtschaftskrise in die nächste und stabilisiert die Armut, vor allem in der dritten Welt. Der ungebremste weltweite CO2-Ausstoß führt zu immer zerstörerischeren Wetterlagen, die regelmäßig ganze Landstriche inklusive der für das Überleben notwendigen Infrastruktur vernichten. Das wirtschaftliche Wachstum als leitender Maßstab unserer gesellschaftlichen Entwicklung vermittelt heute nicht den Eindruck als könnte es uns eine lebenswerte Zukunft sichern. Auch wenn der Mythos vom Wachstum als Garant des Fortschritts noch in vielen Politiker- und Manager-Köpfen herumgeistert: jede weitere Umweltkatastrophe, jeder weitere Banken-Crash, jeder weitere Gammelfleischskandal sorgen dafür, dass sich auch die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik früher oder später der Realität werden stellen müssen.

    grafik-9Wachstumsverlauf des Bruttoinlandsproduktes (GDP) von OECD-Nationen im Vergelich zum Happy Planet Index (HPI): Die Grafik macht deutlich, dass unsere Lebenszufriedenheit offensichtlich nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt korreliert.

    Wenn wir in dieser Situation auf Zukunft gerichtete Bildungsprozesse organisieren, dann bedarf es m.E. eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses, der diesen Widerspruch analysiert, sich einer überfälligen Wertediskussion stellt und damit Perspektiven für die Zukunft schafft. Bildungsprozesse sind immer auf Zukunft gerichtet. Doch wo nehmen wir die Maßstäbe und Visionen her, die uns in eine lebenswerte Zukunft führen könnten? Hier macht die in London ansässige “new economics foundation” (nef) einen spannenden Vorschlag: anstatt sich am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Indikator für den Wohlstand eines Landes zu orientieren schlägt nef den “Happy Planet Index” (HPI) als Maßstab vor. Der HPI berechnet sich aus weltweit erhobenen Daten zur durchschnittlichen Lebenserwartung, zur Lebenszufriedenheit und zum Ökologischen Fußabdruck und bezieht damit im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt auch das Kriterium der Nachhaltigkeit in die Berechnung eines Wohlstands-Indikators ein. Im internationalen Wettbewerb geht es dann nicht mehr um eine grenzenlose Gewinnmaximierung sondern um die Herbeiführung von Wohlstand durch eine ausgewogene Balance von Ökologie und Ökonomie.

    grafik-8Zufriedene Lebensjahre im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck pro Kopf

    Ein am “Happy Planet Index” orientierer Bildungsdiskurs hätte Werte zu formulieren und zu diskutieren, die uns ein menschwürdiges Leben auf einem durch ökologische Vielfalt geprägten Planeten sichern. Bildung ohne Visionen führt zur Stagnation. Brauchen wir und die nachfolgenden Generationen nicht reale Perspektiven für eine persönliche und gesellschaftliche Entwicklung?

    Didaktik braucht m.E. solche Bildungsdiskurse, um authentische Lehr-Lernsituationen zu gewährleisten, in denen die Lehrenden als identifizierbare Persönlichkeiten, Moderatoren und Fachexperten auftreten und nicht als unberührbare, schemenhafte Masken. Dies gilt natürlich auch für die Mediendidaktik und das E-Learning. Wobei sich das E-Learning aus meiner Sicht längst überflüssig gemacht hat, weil es in den interdisziplinär geführten Diskursen zum Lernen oft nur an der Oberfläche bleibt und vielfach nur um sich selbst dreht, anstatt sich nützlich zu machen, mit differenzierten und in die Tiefe gehenden Anpassungen an spezifische, fachlich orientierte Bildungspraxis.

    Zum VideoNic Marks, von der New Economics Foundation (nef), erläutert den “Happy Planet Index” (HPI)

    Im folgenden habe ich Studien, Artikel und Homepages zum “Happy Planet Index” verlinkt, die Grundlage bilden könnten für eine tiefer gehende Diskussion. “Happy Planet Index 2.0″ ist eine weltweite Studie, die ein Ranking von 143 Ländern auf Grundlage des HPI ermittelt hat. Die zweite Studie bezieht sich speziell auf Europa. Im Artikel “The social context of well-being” werden die empirischen Grundlagen für Ermittlung und Quantifizierung von “Lebenszufriedenheit” erläutert. Alle weltweit bisher ermittelten Daten sind zugänglich in der World Database of Happiness, die an der Erasmus Universität Rotterdam gepflegt wird. Schließlich habe ich die Homepage der “new economics foundation” verlinkt, die in Kooperation mit öffentlichen Institutionen und NGO´s die weltweite Forschung auf diesem Gebiet vorantreibt.

  • Studie: Happy Planet Index 2.0 (PDF)
  • Studie: The European Happy Planet Index (PDF)
  • Artikel: The social context of well-being (PDF)
  • World Database of Happiness, Erasmus University Rotterdam
  • Homepage: nef – neweconomics.org
  • Homepage: The Happy Planet Index 2.0
  • Video: Happy Planet Index

  • Literatur:

    • Abdallah, S., Thompson, S., Michaelson, J., Marks, N., & Steuer, N. (2009). The Happy Planet Index 2.0. London: new economics foundation.
    • Bildungskommission NRW. (1995). Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand.
    • Gudjons, H. (2008). Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
    • Peukert, H. (2000). Reflexionen über die Zukunft von Bildung. In: Zeitschrift für Pädagogik Heft 4/2000

    Verwisch die Spuren !

    Donnerstag, 2. September 2010

    Homepage: Verwisch die Spuren !

    Wer sich vom 9. bis zum 12. September zufällig in Berlin aufhält, sollte unbedingt einen Stopover am Areal zwischen Fernsehturm und Schlossplatz einplanen. Dieses Areal ist einem ständigen Wandel unterworfen. Das Berliner Stadtschloss dominierte den Platz bis es abgerissen wurde, der Palast der Republik, das Marx-Engels-Forum und der Fernsehturm als städtebauliche Highlights der DDR gaben dem Areal eine neue Identität. Der Palast der Republik wurde auch abgerissen, übrig bleibt ein spannungsgeladenes Gebiet, das unterschiedliche gesellschaftliche Interessengruppen für sich beanspruchen. “Wie wird diese Landschaft Archäologen in viertausend Jahren erscheinen?” Diese Frage stellt sich das Deutschlandradio Kultur und lädt Klangkünstler und Flaneure mit der Aufforderung “Verwisch die Spuren!” dazu ein, kreative Antworten auf diese Frage zu finden. Per “Radioortung” – eine App für Android Handys – werden innovative Hörspielfragmente zugänglich, die die Gruppe “Ligna” in Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung produziert hat. Jedes Hörspielfragment ist über eine eindeutige GPS-Position einem konkreten Ort innerhalb des Areals zugeordnet. Je nach Aufenhaltsort werden auf dem Screen des Handys die jeweiligen Audio-Fragmente sichtbar und können dort angehört werden.

  • Verwisch die Spuren!
  • Die Gruppe Ligna

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