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Artikel-Schlagworte: „Pädagogik“

Der "Happy Planet Index" – Empirischer Maßstab für einen zukunftsfähigen Bildungsdiskurs ?

Samstag, 2. Oktober 2010

Zur interaktiven Karte mit länderspezifischen HPI-WertenWeltweiter Vergleich der Lebenszufriedenheit im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck (HPI) pro Land. Grün steht für positive Werte, Gelb für mittlere Werte, Rot für schlechte Werte.

Der Bildungsbegriff bildet in der deutschsprachigen Tradition der Didaktik Maßstab und Perspektive für alle Arten didaktischer Entscheidungen, zumindest dort, wo Unterricht von professionell ausgebildeten Lehrkräften organisiert wird, wie z.B. bei den über 700.000 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern an den staatlichen Schulen in Deutschland. Spätestens seit dem Übergang in die Wissensgesellschaft erhält der Bildungsbegriff einen noch weiteren Wirkungsbereich. Bildung ist nun nicht mehr ausschließlich zentrales Thema von Schule, Hochschule und Kindergarten, sondern Bildung begleitet uns heute ein Leben lang als zentraler Faktor in allen gesellschaftlichen Bereichen. Mit Bildung bezeichnen wir Subjektentwicklung und verändernd produktive Teilnahme an Kultur und Subkultur, Gewinnung von Individualität und Gemeinschaftlichkeit, Befähigung zu Selbstbestimmung und Solidaritätsfähigkeit (Gudjons 2008, S.200). Bildungstheorie hat ihren Bezugspunkt in aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen und zielt auf Zukunft (Peukert 2000, S. 507-524). “Bildung kann sich nicht der schwierigen Aufgabe entziehen, in der Gegenwart die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft leisten zu müssen. Ihre Institutionen werden lernen müssen, auf sich verändernde Rahmenbedingungen und auf neue, häufig noch ungewisse Herausforderungen flexibel und rechtzeitig zu reagieren” (Bildungskommission NRW 1995, S. 24)

Die zentrale gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die sich uns heute stellt, ist ein immer gravierender zu Tage tretender Widerspruch zwischen dem weit verbreiteten Glauben an die Abhängigkeit unserer Lebensqualität von wirtschaftlichem Wachstum und den tatsächlichen Auswirkungen ungezügelter ökonomischer Expansion. Der Glaube an den weltweit tief verwurzelten Wachstumsmythos gerät heute ins Wanken. Eine Orientierung am wirtschaftlichen Wachstum, als scheinbarem Indikator für Lebensqualität, bringt uns, unsere Wirtschaft und unsere Umwelt zunehmend in existenziell bedrohliche Situationen. Tägliche Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen hören sich heute genau so an, wie die fiktiven, viel belächelten Bedrohungsszenarien der 70er Jahre. Nur heute ist dies alles nicht mehr fiktiv: Eine Lebensmittelindustrie, die der Gewinnmaximierung einen höheren Stellenwert zuschreibt als unserer Gesundheit, macht Fettleibigkeit zu einem gesundheitsgefährdenden, gesamtgesellschaftlichen Massenphänomen. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit produzieren die großen Energiekonzerne radioaktive Abfälle, die für Millionen von Jahre ganze Regionen unseres Planeten bedrohen. Die Wachstumsfixierung der Banken führt uns von einer Wirtschaftskrise in die nächste und stabilisiert die Armut, vor allem in der dritten Welt. Der ungebremste weltweite CO2-Ausstoß führt zu immer zerstörerischeren Wetterlagen, die regelmäßig ganze Landstriche inklusive der für das Überleben notwendigen Infrastruktur vernichten. Das wirtschaftliche Wachstum als leitender Maßstab unserer gesellschaftlichen Entwicklung vermittelt heute nicht den Eindruck als könnte es uns eine lebenswerte Zukunft sichern. Auch wenn der Mythos vom Wachstum als Garant des Fortschritts noch in vielen Politiker- und Manager-Köpfen herumgeistert: jede weitere Umweltkatastrophe, jeder weitere Banken-Crash, jeder weitere Gammelfleischskandal sorgen dafür, dass sich auch die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik früher oder später der Realität werden stellen müssen.

grafik-9Wachstumsverlauf des Bruttoinlandsproduktes (GDP) von OECD-Nationen im Vergelich zum Happy Planet Index (HPI): Die Grafik macht deutlich, dass unsere Lebenszufriedenheit offensichtlich nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt korreliert.

Wenn wir in dieser Situation auf Zukunft gerichtete Bildungsprozesse organisieren, dann bedarf es m.E. eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses, der diesen Widerspruch analysiert, sich einer überfälligen Wertediskussion stellt und damit Perspektiven für die Zukunft schafft. Bildungsprozesse sind immer auf Zukunft gerichtet. Doch wo nehmen wir die Maßstäbe und Visionen her, die uns in eine lebenswerte Zukunft führen könnten? Hier macht die in London ansässige “new economics foundation” (nef) einen spannenden Vorschlag: anstatt sich am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als Indikator für den Wohlstand eines Landes zu orientieren schlägt nef den “Happy Planet Index” (HPI) als Maßstab vor. Der HPI berechnet sich aus weltweit erhobenen Daten zur durchschnittlichen Lebenserwartung, zur Lebenszufriedenheit und zum Ökologischen Fußabdruck und bezieht damit im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt auch das Kriterium der Nachhaltigkeit in die Berechnung eines Wohlstands-Indikators ein. Im internationalen Wettbewerb geht es dann nicht mehr um eine grenzenlose Gewinnmaximierung sondern um die Herbeiführung von Wohlstand durch eine ausgewogene Balance von Ökologie und Ökonomie.

grafik-8Zufriedene Lebensjahre im Verhältnis zum Ökologischen Fußabdruck pro Kopf

Ein am “Happy Planet Index” orientierer Bildungsdiskurs hätte Werte zu formulieren und zu diskutieren, die uns ein menschwürdiges Leben auf einem durch ökologische Vielfalt geprägten Planeten sichern. Bildung ohne Visionen führt zur Stagnation. Brauchen wir und die nachfolgenden Generationen nicht reale Perspektiven für eine persönliche und gesellschaftliche Entwicklung?

Didaktik braucht m.E. solche Bildungsdiskurse, um authentische Lehr-Lernsituationen zu gewährleisten, in denen die Lehrenden als identifizierbare Persönlichkeiten, Moderatoren und Fachexperten auftreten und nicht als unberührbare, schemenhafte Masken. Dies gilt natürlich auch für die Mediendidaktik und das E-Learning. Wobei sich das E-Learning aus meiner Sicht längst überflüssig gemacht hat, weil es in den interdisziplinär geführten Diskursen zum Lernen oft nur an der Oberfläche bleibt und vielfach nur um sich selbst dreht, anstatt sich nützlich zu machen, mit differenzierten und in die Tiefe gehenden Anpassungen an spezifische, fachlich orientierte Bildungspraxis.

Zum VideoNic Marks, von der New Economics Foundation (nef), erläutert den “Happy Planet Index” (HPI)

Im folgenden habe ich Studien, Artikel und Homepages zum “Happy Planet Index” verlinkt, die Grundlage bilden könnten für eine tiefer gehende Diskussion. “Happy Planet Index 2.0″ ist eine weltweite Studie, die ein Ranking von 143 Ländern auf Grundlage des HPI ermittelt hat. Die zweite Studie bezieht sich speziell auf Europa. Im Artikel “The social context of well-being” werden die empirischen Grundlagen für Ermittlung und Quantifizierung von “Lebenszufriedenheit” erläutert. Alle weltweit bisher ermittelten Daten sind zugänglich in der World Database of Happiness, die an der Erasmus Universität Rotterdam gepflegt wird. Schließlich habe ich die Homepage der “new economics foundation” verlinkt, die in Kooperation mit öffentlichen Institutionen und NGO´s die weltweite Forschung auf diesem Gebiet vorantreibt.

  • Studie: Happy Planet Index 2.0 (PDF)
  • Studie: The European Happy Planet Index (PDF)
  • Artikel: The social context of well-being (PDF)
  • World Database of Happiness, Erasmus University Rotterdam
  • Homepage: nef – neweconomics.org
  • Homepage: The Happy Planet Index 2.0
  • Video: Happy Planet Index

  • Literatur:

    • Abdallah, S., Thompson, S., Michaelson, J., Marks, N., & Steuer, N. (2009). The Happy Planet Index 2.0. London: new economics foundation.
    • Bildungskommission NRW. (1995). Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand.
    • Gudjons, H. (2008). Pädagogisches Grundwissen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
    • Peukert, H. (2000). Reflexionen über die Zukunft von Bildung. In: Zeitschrift für Pädagogik Heft 4/2000

    John Dewey, 100 Sekunden Podcast

    Montag, 26. Oktober 2009

    John Dewey, Foto: United States Postal Service
    Foto: United States Postal Service, scanned by Sebjarod

    Die Schweizer Radio Station DRS stellt in ihrer Reihe “100 Sekunden Wissen” in einem Podcast den amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey vor: “100 Sekunden Wissen: John Dewey

    Die Basis eines Aufbruchs …

    Donnerstag, 2. Juli 2009

    … lässt sich im aktuellen Band zum Thema E-Learning der GMW-Reihe “Medien in der Wissenschaft” nicht wirklich entdecken“ auch wenn der Untertitel des Bandes dies in Aussicht stellt: “E-Learning: Eine Zwischenbilanz“ Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs“. Vielleicht hilft eine öffentliche Diskussion, diese Basis zu finden. Kritische Kommentare sind willkommen:

    Versuch einer Einordnung
    Sieht man einmal davon ab, dass in diesem GMW-Band ein Blick über den eigenen Tellerrand nur ansatzweise gelingt und eine schlüssige Analyse des Umstands dass die flächendeckende Einführung von E-Learning an unseren Universitäten im Mittelbau selten als Innovation wahrgenommen wird, findet sich in einigen Artikeln des Bandes sehr wohl ein aufrichtiger Rückblick, der erfreulicherweise hier und da sogar in Selbstkritik mündet. So bilanzieren z.B. Kreidl&Dittler nach der Befragung von E-Learning Verantwortlichen an 13 Universitäten:

    “Zusammenfassend lässt sich feststhalten, dass didaktische Überlegungen bei der Einführung von E-Learning aus der heutigen Wahrnehmung eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 269).

    Die Motivation zur Einführung von E-Learning an Hochschulen im deutschsprachigen Raum bestand also weniger darin, die Qualität der Lehre zu verbessern sondern vielmehr ging es offensichtlich darum, als Universität nach Außen den Eindruck von Innovation zu vermitteln:

    “Auch wenn die Sinnhaftigkeit des E-Learning-Angebotes teilweise nicht ausreichend hinterfragt wurde bzw. wird, entwickelte sich das Vorhandensein einer umfassenden elektronischen Unterstützung des Studiums zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen den Hochschulen” (Kreidl&Dittler, 2009, S. 266).

    Wohltuend ist es, zu lesen, dass das Fehlen einer nachhaltigen Veränderung der Lernkulturen an den Universitäten nicht einfach der unverbesserlichen Haltung der Lehrenden zugeschrieben wird, sondern dass zumindest durch den Beitrag von Rolf Schulmeister deutlich wird, dass die technologische Unreife heutiger E-Learning Lösungen , einer anspruchsvollen Pädagogik nicht gerecht wird. Nach Schulmeister engagieren wir uns für das Medium Computer, weil es immer auch ein Versprechen auf die Zukunft enthält:

    “Daher wäre es eine der größten Fallen, in die wir tappen können, wenn wir diese Perspektive verkennen und unsere Lehre voll und ganz der aktuellen Technologie anpassen und nicht warten würden, bis die Technologie reif für unsere eigentlichen Ideen ist” (Schulmeister, 2009, S. 317).

    Um eine Basis zu finden, die Qualität der Lehre mit Hilfe von Medien und E-Learning nachhaltig zu verbessern, wäre es erforderlich, das gesamte Spektrum jener wissenschaftlichen Disziplinen zu berücksichtigen, die relevante Beiträge hervorgebracht haben, das E-Learning als interdisziplinäres Phänomen zu Konturieren. Hier spielt die Mediendidaktik genauso eine Rolle wie die Erziehungswissenschaften, die Allgemeine Didaktik und die Fachdidaktiken, wie auch Informatik, Wirtschaftsinformatik, Medienwissenschaften oder Psychologie.

    Im vorliegenden GMW-Band wird nur ein kleiner Ausschnitt der hier zu berücksichtigenden Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet. So wird z.B. das von Niklas Luhmann postulierte Technologiedefizit der Erziehung in einem Artikel von Bernd Kleinmann herangezogen, um darzulegen, „inwiefern E-Learning von dem basalen Technologiedefizit aller Erziehung betroffen ist“.

    Kleinmann unterschätzt jedoch die Breite der Theorie-Praxis-Reflexion in Didaktik und Pädagogik wenn er schreibt: „Pädagogik operiert (und kann nur operieren) auf der Basis unterstellter kausaler Wirkungsgesetzmäßigkeiten, die sie selbst – wenn auch an anderer Stelle, nämlich in der von der Praxis geschiedenen Forschung – als unangemessen, weil die Verhältnisse hoffnungslos verkürzend, zurückweist“ (Kleinmann, 2009, S. 78).

    Unsere gesamte Kultur, wie auch unsere Subkulturen sind das Ergebnis langjähriger, vielfach überlieferter, erfahrungsorientierter Erziehungsprozesse, die in allen Gesellschaften stattfinden. Es is schon immer so, dass die Erfahrenen, in einer Gesellschaft ihr Wissen weitergeben an die Unerfahrenen. Als Erziehung definiert John Dewey genau diesen Prozess (Dewey, 1916, Chapter 1). Dass sich keine Kausalzusammenhänge zwischen der Absicht eines Lehrers und dem was ein Schüler lernt herstellen lassen, ist ein Argument FÜR die Pädagogik . Denn in der Pädagogik und der Didaktik wird vor allem erforscht, erprobt und umgesetzt, wie (Lern-)Umgebungen zu gestalten sind, damit Lernende optimale Möglichkeiten erhalten jenes Wissen zu konstruieren, das sie zu erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft macht.

    Allerdings ist das „Technologiedefizit der Erziehung“ ein weiteres Argument gegen das Instruktionsdesign, dessen Vertreter ja bis heute bemüht sind, Kausalzusammenhänge zwischen Lehrhandeln und Wissenskonstruktion der Schüler zu definieren. Siehe z.B.: Merill, 2009: „First Principles of Instruction“. So zitiert Kleinmann durchaus zutreffend Niklas Luhmann, der mit Karl Eberhard Schorr vorschlägt : „die Suche nach den objektiven Kausalgesetzen in zwischenmenschlichen Beziehungen einzustellen und statt dessen zu fragen, auf Grund welcher Kausalvorstellungen die Menschen handeln“ (Luhmann&Schorr, 1982, S. 18).

    Einen weiteren Blick über den Tellerrand wagt Iwan Pasuchin, der zentrale Ansätze der Medienpädagogik mit denen der Mediendidaktik unter dem Gesichtspunkt Medienkompetenz in Beziehung setzt. Die Darstellung historischer pädagogischer Strömungen im Umfeld von Medienpädagogik und Mediendidaktik wirkt jedoch ungenau und stark verkürzt, so dass im Fazit seines Beitrags keine wirklich neuen Erkenntnisse auszumachen sind .

    Auch wenn die Praxisreflexionen im Band z.B. von Michael Kerres oder Peter Haber einige Potenziale aktueller und zukünftiger Technologien aufzeigen, lässt sich die Basis für einen Aufbruch in dieser GMW-Publikation nicht ausmachen.

    So bleibt es uns, als Akteuren in diesen weiten Landschaften des mediengestützten Lehrens und Lernens, zu identifizieren, wo wir uns mit unserem Knowhow wirklich nützlich machen können. Den Lehrenden etwas aufschwatzen, was keine eindeutigen Vorteile gegenüber dem Herkömmlichen bietet, scheint keine Sinnvolle Option zu sein. Wer hat Vorschläge?

    Zitierte Literatur:

    • Dewey, J. (1916). Democracy and Education. The Macmillan Company. Retrieved July 2, 2009, from http://www.ilt.columbia.edu/publications/dewey.html
    • Dittler, U., Krameritsch, J., Nistor, N., Schwarz, A., & Thillosen, A. (Eds.). (2009). E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
    • Kleinmann, B. (2009). Technologiedefizite technologiebasierter Lehre? Unzeitgemäße Betrachtungen zu E-Learning im Hochschulkontext. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Kreidl, C., & Dittler, U. (2009). E-Learning: Wieso eigentlich? Gründe für die Einführung von E-Learning an Hochschulen im Rückblick. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.
    • Luhmann, N., & Schorr, K. E. (1982). Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In Zwischen Technologie und Selbstreferenz. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Merill, D. M. (2009). First Principles of Instruction. Utah: Utah State University.
    • Schulmeister, R. (2009). Der Computer enthält in sich ein Versprechen auf die Zukunft. In E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs. Münster: Waxmann.

    Die E-Learning-Industrie hinkt den Potenzialen innovativer Pädagogik deutlich hinterher

    Freitag, 22. Mai 2009

    Methodensammlung NRW

    Das aggressive Branding der E-Learning-Industrie (Revolution des Lernens, Blended Learning, User Generated Content, Web 2.0 ) verdeckt die wachsende Kluft, die zwischen anspruchsvoller Pädagogik und E-Learning im Laufe der Jahre entstanden ist. Das E-Learning konnte seiner Vorreiterrolle in der Bildungsbranche nie wirklich gerecht werden. Ein deutliches Anzeichen dafür: die Learntec, angebliche Leitmesse für “professionelle Bildung, Lernen und IT” verliert Jahr für Jahr in großem Umfang Besucher. Im Jahr 2009 konnte die Learntec gerade noch 5.200 Besucher verzeichnen, während die eigentliche Bildungsmesse, die didacta im Jahr 2009 mit einem Besucherzuwachs von 10% (74.000 Besucher) aufwarten konnte.

    Wenn man sich mal klar macht, welches Spektrum an Methoden und Aktionsformen die Pädagogik im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat, siehe z.B. hier oder hier, dann wirken die nicht enden wollenden Marketing-Aktionen der E-Learning-Industrie tatsächlich reichlich naiv. Soziale Netzwerke, Communities of Practice, von Schülern produzierter Content, das gab es alles bereits lange, bevor das Internet die Welt eroberte. Und vor allem: diese Methoden und Sozialformen im Kontext von Lernen wurden sehr viel gründlicher reflektiert und praktiziert als das heute der Fall ist, siehe z.B: Dewey (1916),  Wenger (1991), Heimann (1962),  Frey und andere (1982) oder auch Mietzel (1973).

    Lernerzentrierte Pädagogik – in Versionen beschrieben – wäre heute vielleicht bei Version 8 Punkt Null angelangt, während das Web noch in den Kinderschuhen irgendwo zwischen 2.0 und 3.0 herumdümpelt. Bedauerlicherweise fristen konstruktivistische und reformpädagogische Ansätze – als reale Praxis – an Schulen und Hochschulen bisher auch nur ein Insel-Dasein. Das jahrzehntelange Innovationsgeschrei der E-Learning Branche hat sicherlich einiges dazu beigetragen, dass sich fortschrittliche Pädagogik nur langsam entfalten konnte.

    Um Lernen zu organisieren, wurden schon immer Medien eingesetzt, die als Vermittler zwischen Lernenden und Lehrenden, Lernenden und Lernenden und den entsprechenden Inhalten fungierten. Jede Zeit nutzte dabei die ihr zur Verfügung stehenden Medien. Internet und Multimedia haben keinesfalls eine so grundlegend neue Situation herbeigeführt, wie es uns die IT-Industrie einreden will. Die Wahl der Medien ist nach wie vor ein wichtiger kreativer Akt, auch in konstruktivistisch angelegten Lernarrangements der Gegenwart. Wichtigste Voraussetzung für den Medieneinsatz ist allerdings, dass die Medien sich unkompliziert in ein gewähltes Lern-Setting integrieren lassen. Und hier wird dann auch schnell deutlich, an welchen Punkten die heutigen E-Learning-Technologien den Entwicklungen zeitgemäßer Pädagogik hinterherhinken. Hier einige typische Beispiele:

    Die Schnittstellen gängiger Learning Management Systeme zur Präsenzphase sind notorisch unterentwickelt:
    Beispiele: (1) Von Lernenden in der Selbstlernphase auf die Lernplattform eingestellte Begriffe werden häufig in der folgenden Präsenzphase als Moderationskarten benötigt. Die gängigen Learning Management Systeme (LMS) kann man nur mit einigem Programmieraufwand dazu überreden, diese Karten mit einem Klick als kompletten Klassensatz auszudrucken. (2) Die Bildschirmdarstellung von “user generated content” im LMS berücksichtigt so gut wie nie die verschiedenen Bedingungen und Format-Beschränkungen unterschiedlicher Ausgabemedien (Beamer, Bildschirm, Drucker, PDF, Mobile, SmartBoard).

    Die unausgereifte Usability von Learning Management Systemen erschwert Unterrichtsplanung und Unterrichtsdurchführung:
    Um Content im LMS zu kreieren, braucht es jederzeit greifbar einen Edit-Button und einen Save-Button. Das ist alles; vielleicht noch einen Editor. Die Navigation meines Contents wird automatisch aus der Überschrift eines Eintrags erzeugt. Überschriften erzeugen automatisch Menüpunkte in der Navigation, und zwar auf der Hierarchieebene des Dokuments, auf der ich gerade arbeite. Beliebige Dokumente können dort, wo sie gebraucht werden, hochgeladen und verfügbar gemacht werden. Die Hierarchie der Navigationspunkte kann per drag&drop beliebig angepasst werden. All diese scheinbar selbstverständlichen Funktionalitäten werden von aktuellen Learning Management Systemen nur unangemessen und in schlechter Qualität (Usability) bereitgestellt.

    Die Bedeutung realer Erfahrungsformen findet bei der Konzeption von Blended-Learning-Arrangements selten eine angemessene Berücksichtigung:
    Bei naturwissenschaftlichen Experimenten z.B. ist es in den meisten Fällen erforderlich, diese mindestens einmal als Realexperiment durchzuführen und nicht ausschließlich als virtuelles Experiment, da sich bei Lernenden andernfalls unangemessene Vorstellungen über die Wirklichkeit ausprägen (Tuldoziecki, 2004, S.15). Didaktisch sinnvolle Schnittstellen zwischen Realität und online-gestützten Selbstlernphasen werden bei der Planung von Learning Management Systemen kaum berücksichtigt. Hilfreich wären z.B. intuitiv konfigurierbare Datenbanken und Formulare zur Dokumentation und Auswertung von Messergebnissen.

    Die Orts- und Zeitunabhängigkeit digitaler Medien ist im Vergleich zu Buch oder Schreibheft heute noch stark begrenzt:
    Die Abhängigkeit von Strom und Internetzugängen schränkt die flexible Nutzung digitaler Lernmaterialien deutlich ein. Einmal vergessen, den Akku aufzuladen, und schon gibt es keine Möglichkeit mehr, erforderliche Unterlagen zu bearbeiten. Auch in der Sonne auf der Wiese erweisen sich Notebooks und Mobilgeräte auf Grund der Lichtverhältnisse und den unübersichtlichen Kostenstrukturen von Internet-Flatrates dem Buch und dem Schreibheft deutlich unterlegen.

    Fazit: Die E-Learning-Industrie als selbsternannte Avantgarde der Bildung hat es in fünfzig Jahren nicht geschafft, das Lernen zu revolutionieren. Ihr Aktionsradius und Einfluss sind zu gering, um die hohe, dynamische Komplexität gesellschaftlicher Bildung spürbar zu verändern. Ihre lehr-/lerntheoretische und didaktische Kompetenz ist zu grob und praxisfern, um binnendifferenzierte Lehr-/Lernkonzepte mit Hilfe von E-Learning-Technologien flächendeckend Realität werden zu lassen. Deshalb ist es höchste Zeit, dass die Lernenden selbst, professionell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen und vermittlungswissenschaftlich geschulte Wissenschaftler wieder das Heft in die Hand nehmen und dabei deutlich machen, wie eine erfolgreiche pädagogische Praxis in der Wissensgesellschaft aussehen könnte und welche Rolle dabei die Medien spielen sollen. Die mit der Web 2.0 – Welle aufkommenden Kommunikations- und Gestaltungswerkzeuge können hier behilflich sein. Entscheidender Faktor für eine erfolgsversprechende Neuausrichtung ist jedoch ein Wechsel in den Avantgarden: Nicht die Technologen sollen uns erklären, wie mediengestütztes Lernen erfolgreich funktioniert, sondern die Lernenden und die professionellen Pädagoginnen und Pädagogen. An die Adresse der Verantwortlichen in der Bildungspolitik sei damit auch gesagt, dass es höchste Zeit ist, die Vergütung dieser Berufsgruppen deutlich besser zu stellen als die technologischer Berufsrichtungen.