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Wohin mit den Learning Management Systemen?

18. Juni 2009

Lehrer benötigen schlanke, effiziente Werkzeuge, um ihre Lernumgebungen auch adhoc mit produktiven oder kommunikativen Elementen anreichern zu können. Learning Management Systeme kommen da zu bolidenhaft daher, Sie sind kaum geeignet, der komplexen Vielfalt alltäglicher Lernsituationen in Schule und Hochschule gerecht zu werden.

moodle-logo-2

Mit diesem Erfahrungswissen im Hinterkopf – erarbeitet durch zahlreiche Modellprojekte mit Moodle-Plattformen und mehrjähriger Erfahrung mit dem Blackboard-LMS in unterschiedlichsten Lehrkontexten an der Freien Universität Berlin – wurde ich gebeten für das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin- Brandenburg (LISUM) auf einer Fachtagung zum Thema Lernmanagementsysteme, deren didaktischen Nutzen darzustellen …

Da das Bildungsministerium in diesem Zusammenhang nicht unerhebliche Summen für die Medienentwicklungsplanung speziell für die Brandenburger Gymnasien in Aussicht gestellt hat, bemühte ich mich darum, das Thema diplomatisch anzugehen. So wies ich neben meiner grundlegenden Kritik am E-Learning Begriff und den damit assoziierten Praktiken auch auf die Stärken dieser Systeme hin. Diese bestehen für mich vor allem darin, dass es möglich ist, Dokumente gruppenspezifisch zugänglich zu machen und die eingetragenen Teilnehmer eines Kurses mit einem Klick per E-Mail zu erreichen. Die meisten darüberhinausgehenden Funktionen wie z.B. Wiki-Funktionalitäten, Blogging, E-Portfolio, Tests, Kalender etc. werden in der Regel durch – häufig kostenlose – Systeme und Services sehr viel professioneller bereitgestellt als das in den gängigen Learning Management Systemen möglich ist. Die entsprechenden Alternativen stellte ich auf einem dekiwiki unserer Wikifarm zur Verfügung, das für mich auch gleichzeitig ein gelungenes Beispiel einer effizienten Nutzeroberfläche darstellt (z.B. : Seitenüberschriften werden automatisch als Navigationspunkt in der korrekten Navigationshierarchie dargestellt).

Die Anwesenden Vertreter der LMS-Anbieter (Fronter, Edunex, Moodle, Lonet, Vcat) waren keineswegs amüsiert und konterten u.a. : Learning Management Systeme ermöglichen innovative und kreative Praktiken, mit denen – differenziert nach Leistungsstand – Schülern passgenaue Lernangebote gemacht werden können. Meine Antwort auf diese Replik stellte die Anwesenden Vertreter der E-Learning Industrie dann ruhig: „Binnendifferenzierung ist tatsächlich eine Innovation, aber keine Innovation der E-Learning-Branche oder der LMS-Produzenten sondern eine Innovation der klassichen Pädagogik, die sich in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchsetzte und die seitdem für viele Lehrer zum Standardrepertoire gehört.“

Einen durchaus interessanten Vorschlag machte der Moodle-Vertreter: Learning Management Systeme sollten besser Schul-Management-Systeme oder ähnlich genannt werden, da es bei diesen Systemen primär nicht um das Lernen direkt geht sondern um die strukturelle Unterstützung entsprechender Prozesse. Vielleicht liegt hier tatsächlich eine zukünftige Verwendungsform dieser Systeme. Sie könnten, da ihre Struktur ohnehin stärker an den hierarchichen Strukturen von großen Institutionen wie Schulen, Universitäten oder Großunternehmen orientiert sind, eher als Verwaltungsinstrumente dienen, denn als Unterstützungssysteme für die konkrete pädagogische Praxis.

Mein Vortrag gliederte sich in vier Abschnitte: (1) Lerntheorie und Allgemeine Didaktik (2) Medienwahl (3) Didaktische Funktion (4) Einsatzszenarien. Diese Abschnitte wurden konotiert durch einen Diskurs zur parallelen und dennoch weitgehend berührungslosen Entwicklung von E-Learning und Lehrerbildung, der durchaus einige Aha-Effekte bei den anwesenden Gymnasiallehrern auslöste.

  • Foliensatz : Learning Management Systeme für die schulische Praxis
  • Begleitendes Wiki, das gerne als Sandbox genutzt werden kann
  • Kostenloses Dekiwiki als Webservice: mindtouch Express
  • Fachtagung Lernmanagementsysteme (LMS) eine Perspektive für Medienentwicklungsplanung?
  • 17 Kommentare zu „Wohin mit den Learning Management Systemen?“

    1. Wohin mit den Learning Management Systemen? | weiterbildungsblog sagt:

      […] Wolfgang Neuhaus schildert hier seine Vorbehalte – gegenüber dem Begriff “e-Learning”, Learning Management Systemen und der e-Learning-Industrie. Geschehen im Rahmen eines Vortrages am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) auf einer Fachtagung zum Thema Lernmanagementsysteme. Wobei alles, wie er selbst eingesteht, vielleicht nur eine Frage der Perspektive ist: “Einen durchaus interessanten Vorschlag machte der Moodle-Vertreter: Learning Management Systeme sollten besser Schul-Management-Systeme oder ähnlich genannt werden, da es bei diesen Systemen primär nicht um das Lernen direkt geht sondern um die strukturelle Unterstützung entsprechender Prozesse. Vielleicht liegt hier tatsächlich eine zukünftige Verwendungsform dieser Systeme.” Wolfgang Neuhaus, balancierend, 18. Juni 2009 […]

    2. Ralf Hilgenstock sagt:

      Hallo Wolfgang,

      vielleicht habe ich mich als der ‚Moodle-Vertreter‘ auf der Tagung nicht ganz verständlich ausgedrückt. Ich wollte mein Unbehagen mit dem Begriff ‚Lernmanagementsystem‘ zum Ausdruck bringen, da es suggeriere, dass man das Lernen managen könne. Die Begriffe ‚Lernplattform (Learning Environment) oder ‚Lernumgebung‘ gefallen mir deutlich besser. Entscheidend ist, dass Begriffe häufig den Umgang mit Systemen prägen.Eine Managementsystem wird halt zum managen genutzt.

      Du hast in deinem Vortrag die didaktisch begrenzte Anwendung der Systeme kritisiert. Nach meiner Erfahrung wird von Lehrenden zunächst versucht mit einem Werkzeug, das zu adaptieren, was sie bereits von anderen Situationen kennen. Wo die Lehre zu 80 % ais Redeanteilen des Lehrenden besteht, wird die Lernplattform auch nur zum Verteilen von Inhalten genutzt werden, weil nur das in das mentale Modell passt.
      Alles andere wäre auch unzulässig. Würde eine Lernplattform, eine Didaktik vorschreiben, müsste sie verboten werden, da sie den Lehrenden einschränkt.

      Entscheidend ist für mich, dass der Overheadprojektor kaum dafür gescholten werden sollte, was mit ihm gemacht wird. (Man braucht jetzt nur ‚Overheadprojektor‘ durch Lernplattform zu ersetzen.) Beides sind Werkzeuge in der Hand des Lehrenden. Und glücklicherweise nicht die einzigen.
      Natürlich ist jetzt bei den Lernplattformen sehr wichtig, hinzuschauen, ob sie unterschiedliche didaktische Einsatzszenarien unterstützen. Und da gibt es durchaus Unterschiede.

      Sehr kritisch sehe ich auch deinen Vorschlag stand-alone-Online-Dienste (Blogs, Wikis, etc) in der Lehre einzusetzen. Im Einzelfall mag das passend sein. Im Gros würde ich mit dir konstruktiv darüber streiten, wie Öffentlichkeit vs. geschützter Raum vs. Datenschutz zu sehen sind. Natürlich ist so etwas schnell aufgesetzt. Aber 35 Schüler mit je einem einem blog.de Blog sind von einem Lehrer nicht zu handeln. Ein Blog mit Multinutzerzugriff ist weitaus komplexer. Ein Mediawiki mit Gruppenverwaltung kann man kaum verwalten. Da sind die manchmal weniger ausentwickelten, dafür einfacheren Wikisysteme in Lernplattformen deutlich besser.
      Die Open-University hat z.B. für Moodle ein Wiki-System entwickelt, das sich vom Moodle u.a. durch Funktionsreduzierung auszeichnet.

      Ralf

    3. Wolfgang Neuhaus sagt:

      Lieber Ralf,

      da habe ich Dich tatsächlich falsch verstanden. Teile Deiner Schlussfolgerungen kann ich gut nachvollziehen, einige halte ich für diskussionswürdig. Prinzipiell arbeite ich an solchen Stellen, an denen es darum geht, Inhalte geschützten Gruppen zugänglich zu machen gerne mal mit moodle, weil ich das umstandslos abspecken und auch leicht mit eigenen Skripts ergänzen kann.

      Da ich ja mit diesem Blog eine neue Sicht auf das mediengestützte Lernen öffentlich mache, möchte ich hier auf einige Deiner Argumente im Detail eingehen:

      (1) LMS-Begriff
      Als Lehrender mit einer konstruktivistischen Sichtweise auf das Lernen ist es mir wichtig, die Lernumgebung so zu beeinflussen, dass die Studierenden möglichst vielfältige Möglichkeiten erhalten, Inhalte aktiv handelnd und in sozialer Interaktion zu erarbeiten. Der Begriff der Lernumgebung hat im Konstruktivismus eine zentrale Bedeutung und ist sehr viel umfassender als das was wir als Nutzeroberfläche eines LMS auf dem Bildschirm sehen. Lernumgebungen sind immer Bestandteil der uns umgebenden dreidimensionalen Realität, von den Texten, Materialien, Medien und Werkzeugen, die ich ausgebe über die Bestuhlung des Klassenraums, die Ausstattung des Labors, die Wiese auf dem Campus, den Wegen zur Mensa, Bibliothek usw. bis zum Schreibtisch und Sofa im heimischen Arbeitszimmer. Wie nun ein LMS genannt wird, das ich in solchen Kontexten einsetze, ist mir ziemlich egal, nur „Lernumgebung“ wäre natürlich nicht passend, weil man darunter im Konstruktivismus etwas anderes versteht. Wichtig ist mir der jeweils spezifische Werkzeugcharakter, den ich möglicherweise mit einem LMS nutzbar mache um Produktionen, Präsentationen oder Kommunikationen anzuregen.

      (2) Unpassende mentale Modelle
      Ich habe kürzlich an einem Workshop zum „Design Thinking“ teilgenommen, der für mich sehr erhellend war. Es handelt sich um ein Verfahren. das in der Wirtschaft Anwendung findet, mit dem Unternehmen in die Lage versetzt werden, kontextspezifische Innovationen zu generieren. In, sich ständig wiederholenden Zyklen, werden Prozesse, Arbeitsabläufe – oder was auch immer Gegenstand der einzuführenden Innovation sein soll – von interdiziplinär zusammengesetzten Teams beobachtet. Auf Grund der Beobachtung werden Optimierungsvorschläge gemacht, die von den Betroffenen erprobt und beurteilt werden. Die Optimierungsvorschläge werden mit spziellen fokussierenden Methoden überarbeitet, ggf. notwendige Produkte werden prototypisch hergestellt und abermals im realen Kontext erprobt. Diese Zyklen werden solange wiederholt durchlaufen bis entweder eine tatsächlich tragfähige Innovation definiert ist oder festgestellt wird, dass es keine Optimierungsmöglichkeit gibt.

      Vor dem Hintergrund dieses Workshops wurde mir deutlich, wie wenig mühe sich die Hersteller von Learning Management Systemen offensichtlich geben, tragfähige Produkte für die pädagogische Praxis zu erstellen. Ich habe einige ganz offensichtliche Schwachstellen der heutigen LMS-Systeme in meinem Vortrag ja beschrieben (Fehlende Schnittstellen zur Präsenzsituation, miserable Druck-Optionen, schlechte Anpassung an unterschiedliche Ausgabemedien, teils katastrophale Nutzerführung, etc., fehlende Datenbanken). An moodle ist immerhin sympathisch, dass es in der Community entwickelt wird, aber auch hier kommt man scheinbar nicht auf die Idee, den Unterricht vor Ort genauer zu betrachten und professionelle Innovationsstrategien anzuwenden. Vielmehr wird quasi auf Zuruf, Feature über Feature hinzugefügt ohne eine praxisbezogene Abstimmunung und Optimierung aller Komponenten in Bezug auf die reale Unterrichtssituation.

      Wenn vor diesem Hintergrund jemand sagt, wir Lehrenden nutzen das LMS mit einem unpassenden mentalen Modell, dann kräuseln sich mir die Nackenhaare. Es kann doch wohl nicht sein, dass IT-Vertreter, deren Unternehmen ihre Hausaufgaben nicht richtig machen und die häufig auch keine angemessene pädagogische Qualifikation vorweisen können, dem professionellen Lehrer erklären wollen, mit welchem mentalen Modell optimaler Unterricht zu realisieren ist. Also hier müssen die LMS-Hersteller erstmal geschlossen nachsitzen, anstatt unsere Schüler als kostengünstige Beta-Tester zu missbrauchen!

      (3) Lehre mit webgestützten Werkzeugen
      E-Learning ist aus meiner Sicht tatsächlich ein inzwischen überaltertes, vielen konservativen Traditionen verhaftetes Konzept, das der in der Wissensgesellschaft erforderlichen Flexibilität und Komplexität nicht mehr gerecht wird. Deshalb teile ich Deine Ansicht ganz und gar nicht, dass mit dem Lernen zusammhängende Aktivitäten überwiegend in (rechtlich) geschützten Räumen stattfinden sollten. Es ist ein zentrales Merkmal konstruktivistischer Didakik und der Reformpädagogik, das Lernaktivitäten in der realen Welt stattfinden und die Umwelt dadurch auch gestaltet und verändert wird. Zur realen Welt gehört heute natürlich auch das prinzipiell offene Internet. Und je nach Inhalt, Intention oder didaktischer Funktion lassen sich hier vielfältige unterschiedliche „stand-alone-dienste“ wie z.B. Wikis, Online-Datenbanken oder Conferencing-Tools einsetzen.

      Deine Befürchtung, dass ein Lehrer z.B. die Blogs seiner 35 Schüler nicht „handeln“ kann, ist bereits durch zahlreiche Beispiele von Kolleginnen und Kollegen widerlegt worden. Ich selbst führe im laufenden Semester eine Lehrveranstaltung durch, in der die Blogs der Studierenden, ergänzend zu einem del-icio.us-Account für die Recherche differenziert zugeordneter Themenbereiche eingesetzt werden. Alle Blogeinträge der Studierenden fange ich mit dem Google-Reader ein. Vielfach werden die Blogs in der Lehre auch als E-Portfolios oder Lerntagebücher eingesetzt, den Studierenden bleibt es natürlich selbst überlassen, was sie davon öffentlich machen oder was nur passwortgeschützt sichtbar ist. Hier entsteht dann auch die Frage nach den „Personal Learning Environments“ (PLE) also die Lernerzentrierte Variante eines „Management Systems“. Michael Kerres hat eine diesbezügliche Fachtagung in der Schweiz sehr gut kommentiert: Personal Learning Environments in der Schule. Auf der diesjärigen GMW-Tagung werde ich übrigens auch einen Vortrag halten, der den Einsatz von webgestützten Werkzeugen in konstruktivistischen Lernkontexten reflektiert. Aktuell auch interessant: Die Freie Universität Berlin stellt allen ihren 24.000 Studierenden – parallel zum LMS – ein Blogsystem auf Basis von WordPress zur Verfügung. Die FU ist aber bei weitem nicht die erste Uni, die diesen Schritt geht.

      Also jenseits der Barrieren der LMS-Dinosaurier ist ziemlich viel in Bewegung geraten.

      Mit besten Grüßen
      Wolfgang

    4. Ralf Hilgenstock sagt:

      Hallo Wolfgang,

      lass die Nackenhaare sich mal wieder legen. Du drehst mir das Wort im Mund herum, damit es sich bei dir im Nacken sträubt.

      Was ich gemeint habe: Wenn Lehrende in der Präsenzlehre Frontalunterricht mit Frage->richtige Antwort Schemata umsetzen und das richtig finden, verfolgen sie ein bestimmtes mentales Modell der Lehre. Wenn Sie dieses Modell nun online einsetzen, kommt da genau das heraus, was du zu Recht kritisierst, nämlich eine Datei- und Link-Verteilmaschine.
      Ursache hierfür ist aber nun nicht die Lernplattform, sondern der Lehrstil und die Absicht des Lehrenden wie er eine Plattform nutzt. Er würde auch dein Wikisystem dazu nutzen, um Vorlesungsskripte und Links zu hinterlegen.

      „Es kann doch wohl nicht sein, dass IT-Vertreter, deren Unternehmen ihre Hausaufgaben nicht richtig machen und die häufig auch keine angemessene pädagogische Qualifikation vorweisen können, dem professionellen Lehrer erklären wollen, mit welchem mentalen Modell optimaler Unterricht zu realisieren ist. Also hier müssen die LMS-Hersteller erstmal geschlossen nachsitzen, anstatt unsere Schüler als kostengünstige Beta-Tester zu missbrauchen!“
      Ich melde mich als Moodle-Vertreter gerade mal vom Nachsitzen ab. Das ist zu pauschal. Komm mal auf den Boden zurück und nenn Ross und Reiter.
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      „Ich habe kürzlich an einem Workshop zum “Design Thinking” teilgenommen, der für mich sehr erhellend war. (…) In, sich ständig wiederholenden Zyklen, werden Prozesse, Arbeitsabläufe – oder was auch immer Gegenstand der einzuführenden Innovation sein soll – von interdiziplinär zusammengesetzten Teams beobachtet. Auf Grund der Beobachtung werden Optimierungsvorschläge gemacht, die von den Betroffenen erprobt und beurteilt werden. Die Optimierungsvorschläge werden mit spziellen fokussierenden Methoden überarbeitet, ggf. notwendige Produkte werden prototypisch hergestellt und abermals im realen Kontext erprobt. Diese Zyklen werden solange wiederholt durchlaufen bis entweder eine tatsächlich tragfähige Innovation definiert ist oder festgestellt wird, dass es keine Optimierungsmöglichkeit gibt.“
      Ok. Du hast ein Design erlebt, dass du vorher so vielleicht noch nicht kanntest. Nun stellt sich die Frage, ob – man den Prozess online nachbilden oder online unterstützen kann. Auch wenn mir manche Details noch nicht so klar sind, so denke ich doch, dass dies in Moodle möglich ist. Ich habe z.B. in meinem Beitrag ein Beispiel aus einem Planspiel gezeigt. Man braucht gar nicht so viel, um das in Moodle nachzubilden.

      Schau dir mal das Szenario des Workshopmoduls in Moodle an. Das ist ein anspruchsvolles Szenario mit gewisser Ähnlichkeit. (Ok. Das Oberflächendesign ist eine Zumutung, aber daher wird gerade daran gearbeitet.)

      Es braucht in einer Virtuellen Lernumgebung nicht genau dieses eine Design, sondern Werkzeug, um es nachzubilden. Das geht. Lass es uns doch testen.

      „Vor dem Hintergrund dieses Workshops wurde mir deutlich, wie wenig mühe sich die Hersteller von Learning Management Systemen offensichtlich geben, tragfähige Produkte für die pädagogische Praxis zu erstellen. “
      Peng!!! Die Abrissbirne schlägt zu. Das ist zu pauschal.

      „Fehlende Schnittstellen zur Präsenzsituation“
      Das bestreite ich entschieden. Die definiert der Lehrende und nicht das System. Schnittstelle ist nicht nur der Export -> Moderationskarte (s.u.). Mach es konkreter als in deinem Vortrag.

      „miserable Druck-Optionen, schlechte Anpassung an unterschiedliche Ausgabemedien“
      Hier hast du ein ganz spezielles Bsp. genannt: Ausdruck auf Moderationskarten. Ok. Du benennst eine konkrete Situation in der du einen persönlichen Wunsch hast, den ich so zum ersten Mal gehört habe und machst, weil der nicht erfüllt zus ein scheint, daraus eine Globalkritik.
      Kann Dein Wikisystem das eigentlich? Ich kann zwar die ganze Seite ausdrucken, aber ein Moderationskartenformat mit Anpassung der Größe der Schrift finde ich da auch nicht.
      Nimm in Moodle eine Datenbank, sammle darin die Ideen und exportiere sie anschließend via Excel für den Ausdruck. Oder verwende das Book-Modul, geb den TN Schreibrechte und druck nachher die Seiten aus. Das geht, wenn man will. Fantasie ist gefragt. Das sollte aber zur pädagogischen Grundausstattung gehören.
      Es handelt sich um Lernplattformen und nicht um Cross-Media-XML-Content-Autorensysteme, die übrigens so kompliziert sind, dass du sie in der Lehre nicht einsetzen willst.

      „teils katastrophale Nutzerführung“
      Da bin ich bei dir und engagierter Verfechter von mehr Übersichtlichkeit. Andersherum: ein Test ist tatsächlich ein komplexes Konstrukt. Nur machen die meisten Lehrenden sich das nicht klar. In realen Leben werden die Prozesse und Entscheidungen bei einem Test nicht reflektiert und fallen daher nicht so auf.

      „fehlende Datenbanken“
      verstehe ich nicht.

      „An moodle ist immerhin sympathisch, dass es in der Community entwickelt wird, aber auch hier kommt man scheinbar nicht auf die Idee, den Unterricht vor Ort genauer zu betrachten und professionelle Innovationsstrategien anzuwenden. Vielmehr wird quasi auf Zuruf, Feature über Feature hinzugefügt ohne eine praxisbezogene Abstimmunung und Optimierung aller Komponenten in Bezug auf die reale Unterrichtssituation.“
      Genau das ist die Aufgabe die der einzelne Lehrende selber tun muss. Keiner will eine Lernplattform, die exklusiv daraus ausgerichtet ist ‚Arbeitsrecht – Einführung‘ oder ‚Psychopathologie‘ oder ‚Past Tense English 7. Klasse Hauptschule-Umwandlung Present Tense -> Past Tense in Kleingruppen‘ zu unterrichten. Die Werkzeuge müssen es aber erlauben, die verschiedenen Konzepte abzubilden.

      Du stellst Forderungen auf, die aus meiner Sicht vereinfachend sind. Da denkt sich jemand eine Innovation aus und erwartet, dass vorher genau diese Innovation jemand anders schon exakt so in eine Lernplattform umgesetzt hat. Das kann nicht klappen. Ich behaupte mal die Lehr- und Unterrichtsräume der Hochschule dürften auch nicht gerade unter pädagogisch didaktischen Kriterien entwickelt worden sein, die du dir gerade gestern ausgedacht hast. Kriterium ist meist vielmehr: Wie kriege ich möglichst viele Studenten auf möglichst wenig Grundfläche zugleich unter.

      Möglich wäre es, dass du sagst: Ich brauche in meinem Lehr-Lernszenario ein Setting in dem in der Präsenzlehre das und das und online das und das in folgender Rhythmisierung so und so passieren kann. Und dann diskutieren wir mal über Lösungen mit Plattformen oder besser: mit Moodle. ;-))

      Vielleicht diskutieren hier aber auch die Falschen miteinander. Vermutlich hast du auf der Tagung Plattformen gesehen, die nach dem Muster: Wie verteile ich Dokumente und Aufgaben an einzelne Schüler funktionieren.

      Vielleicht sollten wir es einmal konkret durchdiskutieren.

      Gruß
      ralf

    5. Ralf Hilgenstock sagt:

      Nachtrag:

      „Es ist ein zentrales Merkmal konstruktivistischer Didakik und der Reformpädagogik, das Lernaktivitäten in der realen Welt stattfinden und die Umwelt dadurch auch gestaltet und verändert wird. “
      Jetzt lasse wir genau an dieser Stelle mal das E-Learning weg. Es ist ja schließlich nicht Voraussetzung für solcherlei Lehre. Ich freue mich, dass es an der FU Berlin und in unseren Schulen alltäglich im Unterricht ist, dass mit solch einem Ansatz gelehrt und gelernt wird. Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, komme ich an der FU vorbei und schau mir das an. Müsste ich ja irgendwo entdecken können.
      Meine Erwartung ist jedoch, das weder die Lehrenden noch die Lernenden an der FU mit diesem Ansatz – von Ausnahmen abgesehen – den Alltag bestreiten. Anders kann ich mir den Bildungsstreik mit den studentischen Forderungen zur Verbesserung der Lehre nicht vorstellen.

      „Ich selbst führe im laufenden Semester eine Lehrveranstaltung durch, in der die Blogs der Studierenden, ergänzend zu einem del-icio.us-Account für die Recherche differenziert zugeordneter Themenbereiche eingesetzt werden. Alle Blogeinträge der Studierenden fange ich mit dem Google-Reader ein. “
      Die Diskussion habe ich gerade auf dem letzten Educamp in Ilmenau geführt. Es gilt dabei sehr vieles zu beachten. Das reicht vom Netzgedächtnis, der Privatsphäre, dem Urheberrechtsschutz bis zur Impressumspflicht. In Ilmenau sind dabei schon Studenten verklagt worden (fehlendes Impressum) und mussten Strafe zahlen. Hier sollte man nicht blauäugig herangehen. Der Google-Reader wird immer nur öffentliche Bereiche auswerten -oder sollte es nur und nicht die passwortgeschützten. Zu Google-Diensten habe ich eine ganz eigene Meinung.

      Die PLE-Frage beschäftigt mich auch sehr. Noch sehe ich hier aber viel Bedarf an Experimenten, um es einschätzen zu können.

      „Die Freie Universität Berlin stellt allen ihren 24.000 Studierenden – parallel zum LMS – ein Blogsystem auf Basis von WordPress zur Verfügung. “
      Das interessiert mich sehr. was passiert damit unter welchen Bedingungen tatsächlich?

    6. Wolfgang Neuhaus sagt:

      ok, jetzt wirds langsam unübersichtlich, ich schlage vor wir diskutieren dass dann mal vor Ort aus, wenn Du hier an der FU bist, kannst gerne zu mir in eine Lehrveranstaltung kommen, z.B. : „IT-gestützte Vermittlungskompetenz“, oder auf einer der nächsten Tagungen. Die FU-Blogs sind noch ganz neu, werden gerade erst „technisch“! eingeführt.

      Grüße
      Wolfgang

    7. D21-Projektblog sagt:

      Update: Leider habe ich den passenden Artikel bei http://www.mediendidaktik.org erst nach Erstellung meines Beitrags gefunden. Die dortigen Anmerkungen sind aber recht treffend und verdeutlichen das angedeutete Problem vieler Lehrer, die sich auf den Weg machen, neue medien zu nutzen.

    8. Karl M. Piaty sagt:

      Lieber Wolfgang, lieber Ralf!

      Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich für die öffentliche Diskussion bedanken, die es nicht nur mir, sondern sicher auch vielen anderen Mitlesern ermöglich hat, die eigenen Standpunkte zu reflektieren und das Für und Wider eurer Argumente mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen.

      Obwohl dem Einsatz moderner Medien (you name it) sehr affin gegenüber stehend, kann der Schelm in mir nicht umhin, sich ein bisschen darüber zu freuen, dass auch zwei ausgewiesenen Fachleuten wie euch aufgrund der „langsamen Unübersichtlichkeit“ als ULTIMA RATIO nur bleibt, eure Disskussion vor Ort (also neudeutsch face2face) weiterzuführen.

      Ihr wisst gar nicht, wie gut sowas manchmal tut. :-)

      Karl

    9. N. Herrmann sagt:

      Die Kritik an „Boliden“ – mir wäre der Ausdruck „träge Tanker“ lieber – ist sehr berechtigt, das weiß jeder, der damit umzugehen hat. Die Alternative, viele verschiedene Web2Null Werkzeuge zu verwenden, muss aber unbedingt auch vom Standpunkt der (immer wieder neu wiederkehrenden Bedien-) Lernkosten aus gesehen werden – genau das sind die „Massenproduktionsvorteile“ der trägen Tanker. Für jeden Kurs erstmal 2 Unterrichtseinheiten zur Bedienung der Tools zu verwenden, ist das denn sinnvoll? Dann lieber zwei mal zwei Unterrichtseinheiten einmal im (Hoch-)Schulleben, oder?
      Das ist aber natürlich lediglich ein Aspekt, der (zeit-)ökonomische.

    10. Wolfgang Neuhaus sagt:

      @N.Herrmann: Der Aspekt der Zeitökonomie spricht eindeutig für Wiki statt LMS. In meiner aktuellen Lehrveranstaltung mit Lehramtstudierenden, die alles andere als medienaffin sind, brauchte ich null Unterrichtseinheiten um das gemeinsame Kurs-Wiki einzuführen. Es gibt da eben nicht viel zu erklären, weil es nur einen edit button gibt und einen save-button. Die Studierenden kommen damit bestens klar:
      http://lernen.mediendidaktik.org/

    11. N. Herrmann sagt:

      Super, solche Hinweise sind m.E. wichtige Argumente bei der „Implementationsentscheidung“ durch die (Hoch-) Schulleitung.
      L.G. Norbert

    12. Wolfgang Neuhaus sagt:

      Sehr interressant, in Großbritannien wird derzeit genau die gleiche Problematik diskutiert. Steve Wheeler und andere halten auf dem kommenden ALT-C Symposion in Manchester einen Vortrag mit dem Titel: „The VLE is Dead“ (VLE ist die britische Abkürzung für Virtual Learning Environment, bezeichnet werden damit die klassischen Learning Management Systeme). Die Autoren zitieren unter anderem eine Untersuchung an britschen Schulen, die deutlich macht, dass die Investition in die VLE´s offensichtlich eine Fehlinvestition war, da diese in Schulen wenn überhaupt nur rudimentär genutzt werden. Details dazu im Blog von Steve Wheeler: http://steve-wheeler.blogspot.com/2009/06/another-nail-in-coffin.html

    13. Citbite: Chronicle of Higher Education sagt:

      Colleges Consider Using Blogs Instead of Blackboard

      Mr. Groom argues that the need for course-management systems. or CMS’s, may soon diminish, once professors switch to using blogs and other tools.

      „I think the model for the CMS is outdated given the new Web, and I think that’s one of the problems,“ he said. „It can serve certain functions well, but it’s hard for proprietary CMS’s, whatever they are, to keep up with the how the Web is changing.“ : http://pages.citebite.com/q1g5v5f3q7sew

    14. Ralf Hilgenstock sagt:

      Mit den Studien ist das so eine Sache.

      Spiegel, 8. Mai Web 2.0: US-Schulen schwören Computern ab. Darin heißt es:
      „Ausgerechnet in den USA, dem Weltzentrum des technischen Fortschritts, vollziehen einige Schulen eine Kehrtwende: Sie schaffen ihre Schullaptops wieder ab.

      „Nach sieben Jahren gibt es keinen Beleg dafür, dass der Einsatz von Computern im Unterricht die Leistung der Schüler auch nur ansatzweise verbessert hätte“, sagte Mark Lawson der „New York Times“. Lawson ist Chef der Schulbehörde in Liverpool im US-Bundesstaat New York. Sein Bezirk hatte als einer der ersten im Land flächendeckend Laptops für alle Schüler eingeführt – ein Schritt, den Lawson mittlerweile bereut.“ http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,481086,00.html

      Ich habe mit Lehrern und Eltern gesprochen, die die zitierte Situation kennen. Sie haben mir berichtet, das sei kein Wunder. Dort habe man einfach die Technik hingestellt, kein Konzept gehabt und die Notebooks nicht in den Unterricht integriert.

      Wenn man Werkzeuge zur Verfügung stellt, dann bewirken sie ganz von alleine gar nichts. Das ist so als würde man das Schulbuch unters Kopfkissen legen und auf Diffusionswirkungen warten.

    15. Lisa Rosa sagt:

      Mal ganz abgesehen davon, dass kein Medium und auch kein Werkzeug wie ein Behälter funktioniert, in den man egal welchen Inhalt abladen kann –
      wenn wir die Kinder und Jugendlichen an LMS unterrichten/ihr Lernen verwalten, was haben sie dann, wenn sie aus der Schule raus sind für ihr lebenslanges Lernen gelernt? Sie haben gelernt, dass man ohne eine von einer Institution vorgefertigte Lernumgebung mit den dazugehörigen für sie nur mitbenutzbaren großenTechnologiekonstrukten nicht lernen kann. Das entspricht weder der Lernrealität der Gesamt-Gesellschaft, die selbstgesteuertes informelles Lernen en masse betreibt, noch entspricht es dem Leitmedium Internet und seinen Prinzipien. Warum nicht von Anfang an die Kinder und Jugendlichen auch in der Schule daran gewöhnen, ihre eigenen Netzwerke und ihr eigne PLE fürs Leben zu konstruieren, mit jeweils dem, was es gerade aktuell gutes gibt? – Alle andere bleibt bevormundendes Lehren statt Gestaltung und Unterstützung von Lernprozessen.

    16. Wolfgang Neuhaus sagt:

      @Lisa Rosa

      genau, dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen
      Grüße
      Wolfgang

    17. Beiträge zum WissenWert Blog Carnival Nr. 15 | docendo discimus. sagt:

      […] Wolfgang Neuhaus sieht das Problem in den LMS darin, dass sich die Lehrenden bei der Gestaltung von LMS zu viele Gedanken um Technologien machen müssen. “Technologische Infrastruktur, die die Gestaltung von Lernumgebungen optimal unterstützt muss möglichst unsichtbar bleiben, damit Lernende und Lehrende sich auf Kommunikation und Erarbeitung von Inhalten konzentrieren können”. Mit diesem Hinweis, führt er uns noch einmal zur Diskussion “Wohin mit dem Learning Management System” im Jahre 2009. (zu seinem Beitrag) […]

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